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Helene Fischer wurde während ihres Auftritts ausgepfiffen - doch die Kommentatoren schwiegen dazu.

DfB-Pokalfinale mit Helene Fischer

Mediale Erfüllungsgehilfen des DFB

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Wer bei der TV-Übertragung nichts zum Protest gegen Helene Fischer beim Pokalfinale sagt, der darf sich über Trump und Fake News nicht wundern. Die Kolumne.

Eigentlich wollte ich mir das Ganze ja gar nicht ansehen und schon gar nicht darüber schreiben. Ich tat es doch und tue es doch. Warum nicht und warum doch? Ach, dieser Fußball.

Es ist ja nett, wenn eine eher durchschnittliche Mannschaft wie Eintracht Frankfurt ins Pokalendspiel kommt. Es zeigt, dass nicht alles planbar ist, auch mit viel Geld nicht. Also verspürte ich doch leichtes Interesse. Ich las ein Buch, ließ aber nebenher leise den Fernseher laufen.

Ich weiß, das war inkonsequent, doch unlängst machte ich mir in Erinnerung an meine liebe Mutti auch einen Geflügelsalat mit Fertigmayonnaise sowie Ananas und Champignons aus der Dose. Ich hatte nämlich festgestellt, dass ich Lieblingsgerichte aus meiner Kindheit einfach nicht so hinkriege wie meine Mutter – obwohl ich doch im Allgemeinen recht passabel kochen kann.

Erst nach Jahren kam ich auf den Grund dafür: Ich hatte zu hochwertige Zutaten verwendet. Alles frisch, alles bio – das musste schiefgehen. Meine Gerichte waren schlicht zu gut und taugten nicht dafür, nach Trost und Geborgenheit zu schmecken.

Seit ich das weiß, habe ich auch eine kleine Flasche Maggi im hintersten Winkel meines Küchenschranks versteckt. Für Linsen- und Erbsensuppe, die Älteren unter uns werden sich erinnern. Ähnliche Gefühle versprach ich mir von ein wenig Fußballgucken.

Anfangs lief auch alles ganz gut. Doch dann kam die Halbzeitpause – und mit ihr Helene Fischer. Doch halt! Es ist nicht, wie Sie denken. Ich finde die nämlich gar nicht so schlimm, wie alle immer tun. Da gibt es bedeutend Fürchterlichere.

Der Kamm schwoll mir aus einem anderen Grund: Was hat diese Frau als Pausenfüllerin in einem Fußballspiel verloren? Die Fans im Olympiastadion sahen dies wohl genauso und füllten schon nach wenigen Takten des Führers einstigen Spaßbunker mit lautem Pfeifkonzert. Das galt nicht Helene Fischer, sondern war ein Protest gegen die Kommerzialisierung des Fußballs durch den DFB und deswegen allzu verständlich.

Pausen in Fußballspielen sind zum Pinkeln da und zum Bratwurst- und Bierholen. Ersteres dauert fünf Minuten, Zweiteres zehn. Ein uraltes Ritual, seit mehr als 100 Jahren getaktet. Wird das durcheinandergebracht, rennt man atemlos durch die Nacht und verpasst den Anfang der zweiten Halbzeit. Es ist anscheinend eine Frage der Zeit, bis – wie in den USA – Spiele durch Werbung unterbrochen werden.

Das ist das Eine. Was mich aber vollends auf die Palme brachte, kam danach. Die Fischer hatte fertig, die gellenden Pfiffe gingen über in donnernde Buhrufe, und das war den smarten Fernsehmachern wohl unangenehm. Der schöne Schein drohte zu bröckeln.

Schon während des Sangesauftritts hatten sie die Atmo-Mikros im großen Rund des Stadions heruntergedreht. Der polternde Mob war dennoch gut zu hören. Und nun setzten Kommentatoren und Reporter noch einen drauf. Sie offenbarten beschämende Rückgratlosigkeit, indem sie mit keiner Silbe auf die Protestbekundungen eingingen.

Jene, die unabhängige Journalisten sein sollten, entpuppten sich als tumbe Erfüllungsgehilfen des Fußballbundes. Das war dann richtig armselig. Und dann wundern sie sich über einen Vertrauensverlust der Bürger in Presse und Fernsehen und schimpfen über Trump mit seinen alternativen Fakten.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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