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Freispruch ohne Einschränkung: Ex-Bundespräsident Christian Wulff.

Kolumne

Mea maxima wumpe

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Nach dem Freispruch für Christian Wulff bleibt die Frage: Wen möchten Sie gern freisprechen? Jörg Thadeusz macht sich so seine Gedanken.

Ich spreche Sie alle frei. Vielleicht haben Sie gestern auf dem Parkplatz der Firma den Wagen der Kollegin angedotzt und sind einfach weggefahren. Quälen Sie sich bitte nicht weiter. Berühren Sie diesen Text und Sie sind unmittelbar freigesprochen.

Wenn Sie Ihre Großmutter nicht angerufen haben, obwohl es der so schlecht geht. Wenn Ihr Hund das Kaninchen der Nachbarn durchaus verletzt hat, als er zubiss. Wenn Sie nach Karneval kein bisschen fasten und wenn Sie am Mittwoch kein Mitleid mit Schalke hatten: Freispruch, Freispruch und nochmals Freispruch.

Mir doch wurscht

Sicherlich werden Sie fragen, wie mir denn die Autorität zuwächst, andere Leute aus der Verantwortung zu entlassen. Ganz einfach: Ich bin Medienmensch. Wir orientieren uns, wie in anderen Branchen üblich, an unseren Besten. Und die sind Spezialisten für: Mea culpa, mea maxima wumpe. Aus dem Berliner Latein übersetzt: Ich bin schuld, aber das ist mir doch wurscht.

Am 4. Januar 2012 hat eine eigentlich hinreißende Kollegin vom ZDF direkt in die Kamera gelogen. Sie behauptete damals während eines Interviews mit Christian Wulff, sie würde selbst bei Freunden etwa 150 Euro für jede Übernachtung zahlen. Anschließend musste sie ein paar Witzchen im Internet ertragen. Wie schön es wäre, wenn die Interviewerin ihrer eigenen Unbeholfenheit nicht die Wahrheit opfern würde? Maximal egal.

Am 5. Januar 2012 legte Heribert Prantl, Leitartikler aus feinstem Moralmarmor, Christian Wulff den Rücktritt nahe. Er habe im TV-Interview zu wenig „Buße“ gezeigt. Sechs Monate später schrieb Prantl in einem Artikel von gemeinsamen Essensvorbereitungen mit dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts. Wie sich herausstellte: Alles frei erfunden. Seine Buße? Er wurde vom Leiter des Ressorts „Innenpolitik“ der „Süddeutschen Zeitung“ zum Leiter des Ressorts „Innenpolitik“ bei der „Süddeutschen Zeitung“.

Mir ist auch noch der Kollege eines öffentlich-rechtlichen Informationsprogramms im Ohr, der es als beinahe bewiesen darstellte, dass Bettina Wulff in einem unlauter beschafften Audi A3 durch die Gegend fahre. Stimmte nicht, war schlicht falsch. Wäre aber auf einen sofortigen redaktionsinternen Freispruch herausgelaufen, hätte es überhaupt jemand bemerkt.

Oder der Kollege von den ‚Tagesthemen‘, der am Abend des Abschieds-Gelöbnisses für den Präsidenten Wulff etwas außerhalb von Schloss Bellevue stand. Um den Pöblern und Störern das Wort zu erteilen, als seien es Freiheitskämpfer im ‚Arabischen Frühling‘.

Dabei hatten sich diese Gestalten auf den Weg gemacht, um jemanden auszubuhen, der bereits am Boden lag. Fairness geht anders. Mit Primitivität empfiehlt sich üblicherweise niemand für Sendezeit im Ersten. Warum dieses Rudel-Mitglied trotzdem mit seinem Kamera-Team vor dem Schloss lauerte? Maximal egal.

Maximal egal

Der Richter hat noch einmal darauf hingewiesen, dass sein Urteil im Fall Christian Wulff ein Freispruch ohne Einschränkung ist. Schon wieder maximal egal. Denn wir diskutieren jetzt die Einschränkungen. Wir, die wirklich die Macht zum Freispruch haben.

Einen Bundespräsidenten ohne echte Beweise zu Fall bringen, das war Einzelnen damals durchaus die Steigerung eines Freispruches wert: ein Freibier im Kreis von lauter Gerechten.

Jörg Thadeusz ist Moderator.

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