Schulnoten

In der Mathearbeit plötzlich eine 0,0

Hamburgs Schulsenator Rabe war mit dem Ergebnis eines Tests unzufrieden. Er verordnete bessere Noten.

Von Peter Struck

Einerseits ist es ja hilfreich, wenn hochanerkannte Zeitgenossen wie der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, der Fernsehastronom Harald Lesch oder der Philosoph Richard David Precht unsere Schulen kritisieren, weil es dann danach – wie schon nach dem Pisa-Schock – eigentlich nur besser werden kann; andererseits hinken sämtliche Schülerleistungsvergleichsstudien stets schon von vornherein, weil in ihnen immer „Äpfel mit Birnen verglichen“ werden.

Wenn die 16 Bundesländer 16 verschiedene Schulsysteme und höchst unterschiedliche Lehrpläne haben, ist es wenig aussagekräftig, ein G8-Gymnasium in Oberstdorf mit einer G9-Gemeinschaftsschule in Flensburg zu vergleichen. Aber selbst innerhalb des Bundeslandes Niedersachsen ergibt es nicht viel Sinn, eine Oberschule in einer Stadt wie Wilhelmshaven mit vielen Arbeitslosen und Migranten mit einer Oberschule in Goslar, wo im wesentlichen wohlhabende Bürger plus Sigmar Gabriel wohnen, zu vergleichen. Das bayerische Abitur gilt als hochwertig, obwohl in keiner anderen europäischen Region weniger junge Menschen zur Hochschulreife gelangen als im Freistaat Horst Seehofers.

Also freuen sich viele, dass es in diesem Jahr erstmals ein mehr oder weniger einheitliches Zentralabitur für alle 16 Bundesländer geben wird, jedenfalls was die Hauptfächer anbelangt. Endlich werden dann nicht nur Äpfel mit Birnen verglichen, sondern nur noch verschiedene Apfelsorten miteinander, wobei doch schon im Vorwege klar ist, dass Länder, in denen die Eltern über die Schullaufbahn entscheiden (das sind fast alle), anders abschneiden werden als Länder wie Sachsen oder Bayern, in denen ausschließlich die Lehrkräfte bestimmen, wer zum Gymnasium wechseln darf.

Da die drei Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen zwar genauso schlecht abschneiden wie alle anderen Großstädte auch – heißen sie nun Frankfurt, Stuttgart, Köln oder Leipzig –, aber als eigenständige Bundesländer immer nur verglichen werden mit lauter Flächenstaaten wie Hessen, Baden-Württemberg und Thüringen, haben sie schon jetzt ein wenig „Schiss“ vor dem ersten Zentralabiturranking, das gewiss schon im Spätsommer veröffentlicht werden wird.

Aus dieser Angst heraus hat der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD), einer der Motoren Richtung zentrale Schulabschlüsse, unlängst eine Probeklausur im Fach Mathematik in den Abschlussklassen, also in den 12. Klassen der Gymnasien und den 13. Klassen der Stadtteilschulen, schreiben lassen. Das Ergebnis schockiert: 4,1 ist der Notendurchschnitt! 42,6 Prozent der Schüler hätten eine 5 oder 6 gehabt. Da sich so ein Resultat keineswegs gut macht, hat die Hamburger Schulbehörde angeordnet, die jeweilige Zensur des einzelnen Schülers um drei Stufen, also um eine volle Note heraufzusetzen, so dass im 16-stufigen Punktesystem der deutschen Oberstufen von 0 bis 15 nun aus einer glatten Vier eine glatte Drei wird. Viele fragen sich, ob dann derjenige Schüler, der bei der Probeklausur eine 1,0 erreicht hat, nun eine 0,0 bekommt, womit Ties Rabe dann erneut Schulgeschichte geschrieben hätte.

Riesengroß ist nun die Empörung nicht nur bei den Oppositionsparteien in der Hamburger Bürgerschaft, sondern auch bei Handels- und Handwerkskammer, bei den Elternverbänden und in der Elternkammer, bei den Lehrergewerkschaften und vor allem in den Leserbriefrubriken der Zeitungen. Gab es so etwas schon mal? Ja, in Niedersachsen wurden 2016 die Noten einer Mathe-Abiklausur um 12,5 Prozent angehoben, in Nordrhein-Westfalen wurde 2011 eine schlecht ausgefallene Mathe-Abiklausur wiederholt, und in Bayern wurden die gesamten Abiturbedingungen 2011 nachträglich erleichtert, um die Folgen eines schlecht ausgefallenen Mathe-Abis zu lindern.

Vielleicht hat die Hamburger Probeklausur weniger die mathematischen Begabungen der Schüler gemessen, als vielmehr die allzu geringen methodischen und motivatorischen Fähigkeiten der Mathelehrer (was bekannterweise sonst nur für Uniprofessoren im Fach Mathematik gilt)? Richtig ist, dass Mathelehrer am wenigsten modern unterrichten und besonders selten fortbildungsbereit sind! Vielleicht hätte Ties Rabe die Probeklausur also besser im Fach Englisch schreiben lassen?

Aber immerhin: So wie eine Fußballmannschaft nach einem trostlosen Kick zusätzlich trainieren muss, müssen die Hamburger Abiturienten nun mindestens zwölf zusätzliche Übungsstunden in der eigentlich schon unterrichtsfreien Zeit vom 11. bis 18. April in den Aufgabenbereichen Analysis, Analytische Geometrie und Stochastik (Wahrscheinlichkeitsrechnung) absolvieren. Vielleicht hält es die Hamburger Schulbehörde aber auch so wie der Schüler, der ganz im Sinne von Ranga Yogeshwar und Harald Lesch auf Facebook kommentiert: „Leider sind in den deutschen Schulen die Noten wichtiger als die Lernerfolge.“

Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

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