Gastbeitrag

Was der Master kann, soll der Meister dürfen

  • schließen

Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ist ein Märchen. Wie lässt sich der Anspruch verwirklichen? Der Gastbeitrag.

Berufliche und akademische Bildung bieten bei uns gleichwertige Chancen auf ein erfolgreiches Arbeitsleben.“ Das sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) bei der Vorstellung ihrer Novelle des Berufsbildungsgesetzes Ende Juni im Bundestag.

Warme Worte, aber in der realen Berufswelt ist die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ein modernes Märchen. Es gibt kaum Führungskräfte ohne Hochschulabschluss. Von höheren Positionen im öffentlichen Dienst sind beruflich Qualifizierte gänzlich ausgeschlossen.

Auf dem Papier werden berufliche und akademische Abschlüsse bereits als gleichwertig betrachtet. Seit 2013 gibt es den Deutschen Qualifikationsrahmen mit acht Niveaustufen. Meister und Bachelor etwa sind dort auf der gleichen Stufe angesiedelt.

Wenn es aber darum geht, akademische Exklusivwelten zu öffnen, mauert ausgerechnet der öffentliche Dienst, der eigentlich Vorbild sein könnte. „Auf Stellenausschreibungen für den höheren Dienst können sich nur Personen mit Masterabschluss bewerben“, sagt die Bundesregierung auf Anfrage.

Und das, obwohl der Qualifikationsrahmen berufliche Fortbildungsabschlüsse wie staatliche geprüfte Informatiker und Betriebswirte auf derselben Stufe ansiedelt wie Master, Diplom und Staatsexamen. Ich meine: Hier tut umdenken not!

Der öffentliche Dienst sollte Vorreiter und Vorbild sein. Laufbahnregelungen und das Tarifrecht müssen flexibilisiert werden, damit Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung nicht nur auf dem Papier gelten, sondern auch in der Einstellungspraxis. Das anzustoßen, wäre eine wichtige Aufgabe für die „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ von Bundesregierung, Ländern, Bundesagentur für Arbeit und Sozialpartnern.

Schaut man in den Entwurf der Novelle des Berufsbildungsgesetzes, ist Gleichwertigkeit bei Bildungsministerin Anja Karliczek im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Lippenbekenntnis. Die Ministerin will berufliche Abschlüsse umbenennen, damit sie akademisch klingen.

Dieselben Chancen will sie den Absolventinnen und Absolventen indes nicht verschaffen. Sprachliche Kniffe bringen jedoch weder Gleichwertigkeit noch Bewusstseinswandel. Denn in der Gesellschaft steht die akademische Bildung immer noch an vorderer Stelle.

Auch steigen mit ihr die Einkommenschancen: Das mittlere Einkommen eines über 30-jährigen, sozialversicherungspflichtig beschäftigten Akademikers liegt bei 5372 Euro. Der gleichaltrige Arbeitnehmer mit Ausbildung verdient dagegen im Mittel nur 3156 Euro.

Aus der Bildungsforschung ist hinlänglich bekannt, dass die Wahl von Qualifizierungswegen vom Prestige, von Einkommens- und Karrierechancen sowie von der Anzahl der Möglichkeiten abhängen, die mit den jeweiligen Abschlüssen verliehen werden. Damit ist klar, Gleichwertigkeit und Bewusstseinswandel gelingen mit besseren Karrierechancen und Verdienstmöglichkeiten.

Und wenn die berufliche Bildung attraktivere Perspektiven bietet, dann wird auch der Nachwuchs aus akademischem Elternhaus, der bisher bei Vorliegen der Hochschulreife so gut wie immer studiert, ernsthaft darüber nachdenken, sich gegen die Familientradition und für eine Lehre zu entscheiden.

Apropos Forschung: In der Berufsbildungsforschung gibt es eklatante Forschungslücken. Während es systematische, umfangreiche Befragungen von Studierenden und Hochschulabsolventen gibt, fehlen diese für Azubis und Absolventen mit Berufsausbildung.

Ebenfalls fehlen Untersuchungen und Zahlen zur Anzahl und Entwicklung von ausschließlich beruflich qualifizierten Führungskräften in Unternehmen und im öffentlichen Dienst. Es gilt, diese Forschungslücken zu beseitigen.

Die soziale Lage der Azubis muss ähnlich systematisch untersucht werden, wie es bereits seit Jahrzehnten über die Sozialerhebung für Studierende gemacht wird. Gleiches gilt für die Erforschung der Karrierewege der beruflich Qualifizierten.

Das Ziel von Gleichwertigkeit ist, den Bedarf an Fachkräften zu sichern und für Chancengerechtigkeit zu sorgen. Mit einer tatsächlichen Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung täten sich ganz neue Chancen für beruflich Qualifizierte auf.

Statt sich für einen Weg entscheiden zu müssen, gibt es dann echte Durchlässigkeit zwischen beiden Systemen. Jeder junge Mensch bekäme somit echte Wahlfreiheit, ohne Gefahr zu laufen, in einer beruflichen Sackgasse zu landen.

Kai Gehring ist Bundestagsabgeordneter für die Grünen und Sprecher für Forschung, Wissenschaft und Hochschule der Fraktion.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare