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Gastbeitrag

Maritime Gewerbegebiete

Die Meere gelten als Industriestandorte der Zukunft, da die Ressourcen zu Land nicht mehr ausreichen. Ihr Schutz droht jedoch in der Wachstumseuphorie unterzugehen.

Von Heike Vesper

Die Welt ist nicht genug, um den gewaltig wachsenden Bedarf nach Nahrung, Rohstoffen und Energie zu decken. Da ein zweiter Planet nicht zur Verfügung steht, gerät ein Lebensraum zunehmend in den Blickpunkt, der noch immer in großen Teilen ein unbekanntes Universum darstellt: das Meer.

Fischerei, die Suche nach Öl und Gas, die Einleitung von Abwässern oder die Entsorgung von radioaktiven Abfällen und anderem Müll: Die Nutzung und Ausbeutung der See erreicht immer größere Ausmaße. Australien will seine Kohlehäfen ausbauen und den Aushub im Weltnaturerbe des Great Barrier Reef verklappen – tödlich für das Korallenriff. Die Arktis war lange Zeit durch einen scheinbar ewigen Eispanzer vor der Öl und Gasindustrie geschützt, doch nun rücken die Bodenschätze ins Visier internationale Ölkonzerne.

Auch in Europa drohen die Ozeane zum maritimen Gewerbegebiet zu verkommen: Offshore-Windparks entstehen, eine riesige Flotte von Containerschiffe kreuzt unermüdlich die Ozeane, Kabeltrassen und Pipelines durchziehen den Meeresgrund. Immer größere Fischtrawler jagen immer kleineren Fischbeständen hinterher. Ölförderplattformen operieren selbst in größten Tiefen oder in schwer zugänglichen Gewässern. Die Küsten Norwegens und des Mittelmeers sind gesäumt von Aquakultur-Käfigen zur Massenproduktion von Lachs und Dorade.

Klare Regelungen gefordert

Es ist höchste Zeit, die Nutzung der Meere klarer zu regeln und nachhaltiger zu gestalten. Die EU-Kommission lädt in diesen Tagen nach Bremen zum Europäischen Tag der Meere, es ist der größte meerespolitische Kongress der Kommission mit etwa 1200 Teilnehmern. Bei dieser jährlichen Messe geht es in erster Linie um den Boom des „Blue Business“, den Ausbau der maritimen Industrien in Europa. Die Meere werden als Industrie- und Wachstumsstandorte der Zukunft ausgerufen, der Schutz dieses einmaligen Lebensraumes droht in der allgemeinen Wachstumseuphorie unterzugehen. Es ist ein ungleicher Wettlauf, bei dem der Meeresschutz nicht mithalten kann.

70 Prozent der Erdoberfläche sind von Ozeanen bedeckt – weniger als drei Prozent davon stehen unter Naturschutz. Erschwerend kommt hinzu, dass die bestehenden Abkommen, Strategien und Verordnungen zum Schutz der Meeresumwelt oft Schlupflöcher haben, um wirtschaftlichen Interessen Vorrang einzuräumen. Um Beispiele zu finden, muss man nicht lang suchen. Die Bohrinsel Mittelplate fördert seit 1985 Öl im Nationalpark Wattenmeer. Mitten in den NATURA 2000 Schutzgebieten Sylter Außenriff und Östliche Deutsche Bucht wurde der Abbau riesiger Mengen Sand und Kies genehmigt. In Nord- und Ostsee hat Deutschland Meeresschutzgebiete ausgewiesen, aber jeder Quadratkilometer davon darf befischt werden – dabei stellt gerade die Fischerei einen schweren Eingriff in die Balance des marinen Ökosystems dar.

Um einen Flickenteppich konkurrierender Nutzungsansprüche auf See zu vermeiden, ist die Politik gefragt. Der WWF fordert ein Netz aus Schutzgebieten, um besonders sensible marine Ökosysteme zu schützen. Das ist eines der wichtigsten Aufgabenfelder europäischer Meerespolitik! Ausbau und Förderung sämtlicher Sektoren nach dem Gießkannenprinzip führt nicht nur in die ökologische Sackgasse, sondern mittelfristig auch wirtschaftlich zum Kollaps. Die EU-Fischerei muss wegen überfischter Bestände mit Subventionen am Leben erhalten werden, allein 2009 waren das etwa 3,3 Milliarden Euro. Besonders wichtig sind klare Spielregeln auch für die zunehmende Rohstoffgewinnung aus dem Meer. Angesichts nahezu erschöpfter Quellen an Land droht hier ein weiterer Boom. Rund 30 Prozent des Rohöls stammt schon heute von Förderanlagen im Meer. Rund 400 Bohrplattformen gibt es allein in der Nordsee.

Neue Spielregeln festlegen

Die technologischen Entwicklungen, welche die Öl- und Gasförderung bis in die Tiefsee möglich machen, kommen auch der sich entwickelnden Tiefsee-Bergbauindustrie zugute. Auf der Suche nach Manganknollen und anderen seltenen Metallen steht hier eine neue Branche in den Startblöcken, die ein bisher größtenteils unberührtes und unerforschtes Ökosystem großflächig zerstören kann. Es ist vollkommen unbekannt, wie sich Aktivitäten im Industriemaßstab auswirken würden. Seeberge und Hydrothermalquellen – an denen sich begehrte Kobaltkrusten und Massivsulfide befinden – gehören zu den global als besonders schutzbedürftig geltenden Ökosystemen. Dies ist mit der für die Rohstoffgewinnung notwendigen großflächigen Zerstörung kaum zu vereinbaren. Trotzdem stellen internationale Konsortien erste Anträge an EU-Mitgliedsstaaten wie Portugal zur Erkundung von polymetallischen Sulfiden, die sich an „schwarzen Rauchern“ um die Azoren ablagern.

National und international werden neue Claims abgesteckt. Die Internationale Meeresbodenbehörde beginnt in diesem Jahr damit, die Spielregeln für den Abbau der Tiefseeschätze in internationalen Gewässern festzulegen. Der WWF fordert, vor dem Abbau zu überprüfen, dass die Rohstoffe nicht aus anderen Quellen wie etwa Recycling gewonnen werden können. Umweltprüfungen müssen sicherstellen, dass die geplanten Abbauvorhaben, auch in Wechselwirkung mit anderen menschlichen Aktivitäten im gleichen Gebiet, nicht zu irreversiblen Umweltschäden führen.

Es mag angesichts der Wachstumseuphorie und Goldgräberstimmung leicht zu vergessen sein, aber kommende Generationen sind auf die Ressourcen der Meere angewiesen und diese sind endlich, das müssen wir  unbedingt berücksichtigen!

Heike Vesper ist Leiterin Meeresschutz beim WWF Deutschland

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