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Auslese

Ein Mann für Arm und Alt

  • Julia Gerlach
    VonJulia Gerlach
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Am Zeitungskiosk in Kairo könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Wahl zum Präsidenten bereits gelaufen ist. Alle Titelbilder zeigen Verteidigungsminister

Am Zeitungskiosk in Kairo könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Wahl zum Präsidenten bereits gelaufen ist. Alle Titelbilder zeigen Verteidigungsminister Abdelfattah al-Sisi und in fast allen Artikeln wird betont, wie sehr die Ägypter ihn sich zum Präsidenten wünschen. „Ein Meer aus Fahnen und darin Bilder von Al-Sisi und dem früheren Präsidenten Gamal Abdel Nasser: So sah der Tahrir-Platz am Jahrestag der Revolution vom 25. Januar aus“, heißt es in der englischen Ausgabe der halbamtlichen „Al Ahram“. „Dass Al-Sisi immer wieder an die Seite Nassers gestellt wird, erklärt genau, warum die Ägypter ihn so sehr zum Präsidenten wünschen und die anderen ihn ablehnen. Wie Nasser wird Al-Sisi als Beschützer der Einheit der Nation gesehen, als Führer, der fremden Mächten die Stirn bietet, und Liebling der Massen. Wie Nasser ist er ein mächtiger Führer einer mächtigen Armee und manche wenden ein, dass sein Ziel ein neuer Polizeistaat sei. Dabei macht sich nur der nationale Held in ihm bereit, die Präsidentschaft zu übernehmen in einem Land, das bedroht wird.“

Auch die anderen Zeitungen überschlagen sich in ihrem Lob über Al-Sisi. Das ganze Land scheint förmlich dem Tag entgegenzufiebern, an dem er endlich seine Kandidatur bekanntgibt. Allerdings ist dieser Eindruck vor allem darin begründet, dass es in Ägypten so gut wie keine Oppositionspresse mehr gibt. Die Zeitungen der Muslimbruderschaft und andere kritische Publikationen verschwanden vom Markt. Im Internet sieht die Stimmungslage ganz anders aus, aber manchmal reicht es auch, die Zeitungen aufzuschlagen: Im hinteren Teil kommen auch wieder kritische oder zumindest nachdenkliche Stimmen zu Wort. So veröffentlichte die Tageszeitung „Al Masry al Yaum“ eine Umfrage: „Al-Sisis Rückhalt in der Bevölkerung: Stärken und Schwächen“, lautet die Überschrift und tatsächlich belegen die Zahlen, dass Al-Sisi in erster Linie der Hoffnungsträger der älteren, ungebildeten und ärmeren Menschen ist. Ähnliches hat auch die Analyse der Wahlbeteiligung am Verfassungsreferendum vorvergangene Woche ergeben. Die niedrige Wahlbeteiligung der Jugend veranlasste sogar die Regierung, Jugendvertreter zum Krisengespräch einzuladen. So bekommt das Bild der einhelligen Zustimmung der Ägypter zu Al-Sisi allmählich Risse.

In der englischsprachigen „Daily News“ bringt Farid Zahran, Mitbegründer der ägyptischen Sozialdemokraten, auf den Punkt, weshalb viele der jüngeren und besser gebildeten Zweifel an Al-Sisi haben: „Die Erwartungen an ihn werden gigantisch sein. Angesichts der Menge der Probleme, vor der wir stehen, wird es so gut wie unmöglich sein, dass er alle zufriedenstellt. Die Menschen werden ihm das Versagen vorwerfen und nicht nur ihm: Sie sehen ihn als Kandidaten der Armee und diese droht ihre Rolle als Wächter der Nation zu verlieren.“

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