Nach dem Anschlag in St. Petersburg wurde das Brandenburger Tor nicht in den russischen Nationalfarben angestrahlt. Die Begründung überrascht.
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Nach dem Anschlag in St. Petersburg wurde das Brandenburger Tor nicht in den russischen Nationalfarben angestrahlt. Die Begründung überrascht.

Anschlag in St. Petersburg

Mangel am Empathie

  • Holger Schmale
    vonHolger Schmale
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Nach dem Anschlag in Sankt Petersburg blieb eine Solidaritätswelle bisher aus. Haben sich die Menschen an den Terror gewöhnt oder geht es um eine antirussische Haltung? Der Leitartikel.

Nach dem Mordanschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo gab es eine spontane, anrührende Solidaritätswelle: „Je suis Charlie“ bekannten Millionen Menschen weltweit in den sozialen Netzwerken. Dann wurde diese Losung ganz schnell zu einem Motto, auf T-Shirts vermarktet und sinnentleert.

Öffentlich inszeniertes Farbenspiel als Ritual

Nach den Anschlägen von Paris, Brüssel und den vielen anderen Städten, in denen in den vergangenen Jahren islamistische Terroristen ihr hinterhältiges Mordhandwerk betrieben haben, wurde es üblich, Wahrzeichen in anderen Metropolen in den Farben des betroffenen Landes anzustrahlen. Man könnte auch sagen: Es wurde Mode.

So sehr, wie der Terrorismus zu einer wenn auch monströsen, aber doch gar nicht mehr so außergewöhnlichen Erscheinung in westlichen Großstädten geworden ist, in dem Maße sind die Formen, in denen wir Betroffenheit bekunden, zu einem Ritual geworden.

Das gilt für die oft schon Minuten nach den ersten Meldungen verbreiteten Beileidsbekundungen der Regierungen, deren Pressestellen dafür wahrscheinlich schon digitale Vordrucke bereitliegen haben. Das gilt aber besonders für das öffentlich inszenierte Farbenspiel. Das Bewegende dieser Geste ist auch schon verflacht zu etwas Üblichem.

Also war es nur konsequent, dass Berlin am Montag darauf verzichtet hat, das Brandenburger Tor nach dem Anschlag von Sankt Petersburg in die russischen Farben zu tauchen – so wie übrigens auch andere Städte?

Das könnte man akzeptieren, wenn es da nicht diese besonders kaltherzig klingende Begründungaus der Senatskanzlei gäbe: Berlin bekunde seine Solidarität am Brandenburger Tor nur noch, wenn Partnerstädte betroffen seien – oder solche, zu denen Berlin eine besondere Beziehung habe. Welche das sind, entscheidet wohl der Regierende Bürgermeister? Oder er lässt auch dafür einen Leitfaden erstellen.

Das Vorgehen zeigt, wie wenig Takt und Stilgefühl dieser Senat hat. Es zeigt aber auch, wie wenig diese Gesten noch mit spontaner, menschlicher Anteilnahme zu tun haben. Sie sind zu einem Verwaltungsakt geworden.

Nun hat aber dieser zumindest peinliche Umgang mit dem Leid der Menschen in einer anderen europäischen Großstadt auch eine politische Dimension. Sankt Petersburg ist eine russische Metropole.

Es wird nicht wenige geben, die in dem Verzicht auf die symbolische Solidarität gerade mit ihr selbst ein Symbol erkennen. Dass man mit Wladimir Putins Russland eben anders umgeht als mit anderen Ländern. Die These sei erlaubt, das als abwegig zu betrachten. Schließlich war Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller gerade erst zu einem freundschaftlichen Besuch in Moskau, das nämlich eine Partnerstadt Berlins ist. Wenn die Attentäter also in Moskau zugeschlagen hätten … Aber lassen wir das, dies ist kein Anlass für Zynismus.

Gebot zur Zusammenarbeit

Sehr wohl aber sollten diese Vorgänge Anlass sein, nicht nur über die angemessenen Formen öffentlicher Anteilnahme nachzudenken. Sondern auch über die Pflege unserer Beziehungen zu Russland.

Der Anschlag von Sankt Petersburg taucht eine eigentlich banale Tatsache in das grelle Licht des Augenblicks: Es ist eine europäische Stadt, deren Menschen den gleichen Gefahren ausgesetzt sind wie die Bürger von London, Paris oder Berlin. Und so wenig manches an der Politik des starken Manns in Moskau, Wladimir Putin, den Regierungen in den westeuropäischen Hauptstädten gefallen mag – was im Übrigen auf Gegenseitigkeit beruht – so klar ist doch das Gebot zur Zusammenarbeit, um internationale Krisen und ihre Auswirkungen auf die eigenen Bürger bekämpfen.

Verbal wird das auch immer wieder allseits betont. Aber was folgt daraus – zum Beispiel beim Ringen um ein Ende des sogenannten Bürgerkriegs in Syrien, der doch längst ein Stellvertreterkrieg verschiedener Mächte in und außerhalb der Region geworden ist?

Man mag Putin vieles vorwerfen, aber er folgt im Syrien-Konflikt doch einem berechenbaren Kurs, was für seinen Gegenpart Donald Trump in Washington eben nicht gilt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat immerhin den Gesprächsfaden mit Putin mehr gepflegt als die meisten ihrer westlichen Kollegen. Aber den Status quo zu wahren, reicht nicht. Gerade jetzt, angesichts der US-amerikanischen Unwägbarkeiten, wäre es an Deutschland, neue Initiativen für eine engere Zusammenarbeit mit Russland zu ergreifen.

Es fügt sich, dass mit Frank-Walter Steinmeier ein außenpolitisch erfahrener Bundespräsident im Amt ist, der anders als sein Vorgänger Joachim Gauck keinerlei biografisch bedingte Russlandphobien pflegt. Es geht in internationalen Beziehungen viel um Fakten, aber doch auch um Stimmungen. Ein Treffen der Präsidenten beider Länder könnte da schon etwas bewirken. Dann wäre auch der Berliner Mangel an Empathie gegenüber den Menschen von Sankt Petersburg schnell vergessen.

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