Nach Corona

Manches könnte besser werden, als es vorher war

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Die Hilfsbereiten werden sich auch um jene kümmern, die jetzt übersehen werden. Dann könnte nach Corona einiges besser werden als es war, bevor das Virus auftauchte. Die Kolumne.

Eigentlich bin ich ja gnadenloser Optimist, auch wenn viele das nicht denken. Es ist halt ein etwas anderer Optimismus, der mir innewohnt. Denn als ewiger Zweifler sehe ich in allem so viel Betrübliches, dass ich mir denke, es müsse doch zwangläufig aufwärts gehen – denn schlimmer geht’s eh nimmer.

Bislang bezog sich das immer auf einzelne Bereiche, nun betrifft diese Einschätzung nahezu alles. Zwar ist in der Entwicklung der Sars-CoV-2-Pandemie noch Luft nach unten, doch schon jetzt meldet sich mein Optimismus und lässt vage Vorstellungen in mir aufkeimen, wie es danach weitergehen könnte.

Viele sind – das ist das Wichtigste – mit der Hoffnung verbunden, dass es zu gewaltigen Verbesserungen im Vergleich zur Zeit vor Coronas Geburt kommen könnte. Abgründe sind also meine Gründe. Hier sind sie.

Ich verspüre immer noch Zweifel an der Notwendigkeit der drastischen Einschränkung der Freiheitsrechte. Das macht mir Sorge. Andererseits sehe ich Politikerinnen und Politiker wohltuend verantwortungsvoll handeln (sogar einen Söder, hätte nie gedacht, dass ich das noch erleben darf), ich sehe die fürchterliche Situation in Norditalien, und ich sehe (das wundert mich eigentlich am meisten) überall im Lande etwas aufkeimen, dessen Existenz ich gar nicht mehr vermutet hätte, nämlich gesunden Menschenverstand.

Sieht man von einigen gestörten Feieraffen und den verwirrten Klopapier-Hamsterern (ich denke ja immer noch, das könnte sich um einen gigantischen Flashmob handeln) ab, muss man doch den allermeisten Mitmenschen eine erstaunliche Besonnenheit bescheinigen.

Meine bescheidene Hoffnung ist nun, dass diese Vernunft anhält. Selbst der bislang nicht unbedingt einer höheren Philosophie zu verdächtigende Jogi Löw erkannte, wir befänden uns in einem „kollektiven Burn-out“.

Das Coronavirus hat uns nun vor Augen geführt, wie hochtourig wir zuvor unterwegs waren, wir waren eine ganze Gesellschaft auf Koks. Nun sind wir in Klausur. Es ist das berühmte „Innehalten“, das Kanzlerin Angela Merkel seit Jahren vergeblich zu Weihnachten anmahnt.

So es der Regierung gelingt, vielen die berechtigte Angst um ihre Existenz zu nehmen, liegt darin eine Chance zur Erkenntnis. Etwa, dass es Wichtigeres gibt als ein „Höher, Schneller, Weiter“. Dass das Leben kein immerwährendes Event ist.

Dass die AfD das ist, als das sie sich in dieser Krisenzeit beweist, nämlich ein Fliegenschiss in der Geschichte. Dass die zur Zeit schwer geprüfte Europäische Union umso gestärkter aus der Krise herausgeht. Dass wir bemerken, wie positiv sich ein Verzicht auf Kreuzfahrer- und Billigfliegerei auf unsere Umwelt auswirkt.

Und schließlich, dass die derzeit überall spürbare Solidarität weiter anhält – und vor allem sich ausweitet. Es bedarf unbedingt auch des Zusammenhalts mit jenen, die jetzt von den Hilfsbereiten übersehen werden.

Nämlich jene, die auf die Tafeln angewiesen sind, dann die 450-Euro-Beschäftigten, denn sie fallen durch das Kurzarbeits-Raster – und nicht zuletzt jene, an die gerade überhaupt niemand mehr denkt. Jene, die aus guten Gründen aus ihrer Heimat flüchten mussten und selbst ein ach so entsagungsreiches Leben unter Corona-Arrest mit Handkuss gegen ihr bisheriges Elend eintauschen würden.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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