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Kolumne

Macht auf vier Rädern

  • VonSabine Rennefanz
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Rasen, bei Rot über die Ampel fahren: Alltag in Berlin. Es gäbe Möglichkeiten, vor allem die Kinder besser zu schützen. Aber wann werden sie endlich genutzt?

Berliner Straße, Berlin-Pankow. Ich wollte die Straße überqueren, als mich von hinten jemand anmotzte. „Aus dem Weg, blöde Kuh“, rief eine Radfahrerin. Die Frau war bei Rot über die Ampel gefahren, ich hatte den Fehler gemacht, bei Grün loszulaufen.

Hilfe, wie konnte das passieren? Berlin ist die Stadt, in der man Ampelrot als Ansporn sieht, sich noch mal extra zu beeilen. Nicht nur Radfahrer drängeln, auch Autofahrer, sogar Fußgänger. Wer an der Ampel bei Rot stehenbleibt, ist wahrscheinlich ein Tourist aus Stuttgart. Oder blöd.

Die Radfahrer mögen nerven, aber wenn die Autofahrer über Rot fahren, macht mir das Angst. Wie werden sich meine Kinder einmal angstfrei und selbstbewusst im Straßenverkehr bewegen, ohne zu Mus gefahren zu werden?

Kürzlich stand ich mit meinem drei Jahre alten Sohn an einer Ampel an der Mühlenstraße, einer vierspurigen Piste, die nach Prenzlauer Berg führt. Tempo 50 ist erlaubt, viele fahren schneller. Die Kita meines Sohnes liegt auf der anderen Seite, jeden Tag überqueren wir die Straße zweimal. Er hielt sein Laufrad fest und zeigte auf den roten Mann, er erklärte mir, dass wir warten müssen. Ich nickte und war stolz auf mein Großstadtkind, das langsam selbständiger wurde.

Als das grüne Männchen kam, rollte er auf seinem Laufrad los, mein Mann lief daneben auf gleicher Höhe. Einige Sekunden später, als sie sich fast in der Mitte der Straße befanden, schoss ein weißer Lieferwagen an ihnen vorbei, verpasste meinen Sohn um einige Zentimeter. Ich war geschockt. Mein Mann rannte hinterher, zur nächsten Ampel, wo der Wagen stehenblieb. Er schrie, aber der Fahrer machte, was man in Berlin so macht, wenn einem etwas Unangenehmes begegnet, er guckte weg.

Wir hatten Glück, es ist uns nichts passiert. Andere haben nicht so viel Glück, jedes Jahr verunglücken viele Menschen wegen der Raserei. Nicht nur Kinder, sondern auch Rentner. Ja, ich weiß schon, wir leben in einer Großstadt, in der der Umgang schon immer etwas rauer war. Nach Berlin kamen nicht die Saturierten und Kultivierten, sondern die Rücksichtslosen, die Kühnen, die Egoisten, so steht es in jedem Berlin-Text, ein einhundert Jahre altes Zitat des Publizisten Karl Scheffler. Schön, aber wie wollen wir heute in der Stadt zusammenleben? Soll sich der Stärkste, Lauteste durchsetzen? Der mit dem größten Auto?

Obwohl das Auto angeblich als Statussymbol ausgedient hat, nimmt die Zahl der angemeldeten Fahrzeuge nicht ab, sie steigt sogar. Es gibt bundesweit zehn Millionen Kinder unter 14 Jahren und 62 Millionen zugelassene Autos. Die Machtverhältnisse sind klar.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Berliner Autofahrer, die über die Ampel fuhren, als das Licht schon länger als eine Sekunde auf Rot stand, stark gestiegen. 2006 registrierte die Berliner Polizei 2600 qualifizierte Rotlicht-Verstöße, 2016 waren es 7600 – eine Verdreifachung innerhalb von zehn Jahren. Und das sind nur die Raser, die die Polizei geschnappt hat. Viele andere kommen davon, weil es nur sehr wenige feste Blitzer gibt.

Es wäre so einfach, etwas zu ändern. Man könnte eine flächendeckende Tempo-30-Zone in der Stadt einführen, man könnte überall Blitzanlagen installieren. Doch wer das fordert, gilt als radikal, weltfremd. Eher wird ein Fleischverbot in öffentlichen Kantinen durchgesetzt als ein Tempolimit auf den Straßen.

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