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Man kann politisch handeln – indem man wählen geht.

Leitartikel

Macht des Einzelnen

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Der Konsument ist einflussreich. Er möge bei sich anfangen. Diese Botschaft ist unvollständig. Es braucht viel mehr für einen Wandel.

Um die „Macht der Straße“ ging es schon gelegentlich, wenn alljährlich am 1. Mai die Gewerkschaften Kundgebungen abhalten – in diesem Jahr fordern sie in 20 deutschen Städten „gute Arbeit, Einkommen und Arbeitsbedingungen“ sowie mehr „europäische Solidarität“.

Neu ist, dass nur zwei Tage später die Schülerdemos „Fridays for Future“ wieder bundesweit für mehr Klimaschutz marschieren. Neu ist aber auch, dass zuletzt gerade den Schülern Heuchelei vorgeworfen wurde – was sich allzu leicht auch auf die Gewerkschaftsdemonstranten am Maifeiertag erweitern ließe.

Nämlich: Wie viele der jugendlichen Klimaschützer kommen eigentlich gerade von einer Flugreise in den Osterurlaub und ziehen nach der Demo zu McDonald’s? Und wie viele der Gewerkschafter vergessen ihre Ideale, wenn sie im Versandhandel bestellen oder Schnäppchenklamotten kaufen – obwohl sich die meisten Paketboten unter unwürdigen Bedingungen abplacken und die Textildiscounter Billiglöhner im Süden der Welt unter teils lebensgefährlichen Umständen schuften lassen?

Es ist in Mode gekommen, „den Einzelnen“ in die Pflicht zu nehmen: Durch bewussten Konsum, nachhaltiges Einkaufen, umweltfreundliche Lebensführung könne er die Klimabilanz der Menschheit verbessern, Konzerne zu fairem Wirtschaften zwingen und den Menschen in Entwicklungsländern höhere Einkommen bescheren.

Die Botschaft: Der Konsument auf der Straße hat die Macht. Er möge erst einmal bei sich selbst anfangen. Leider ist diese Botschaft Quatsch. Zwar ist es ehrenwert, sich im Verzicht zu üben oder schlauzumachen, ehe man zum Shopping zieht. Immerhin kann man so als Vorbild dienen und beweisen, dass solches Verhalten möglich ist.

Die Welt verändert man so leider nicht. Die Konzerne verschleiern einfach ihre schädlichen Produktionsbedingungen – oder legen für bewusste Käufer eine „grüne“ oder „faire“ Produktpalette als Nebengeschäft auf, natürlich mit Preisaufschlag.

Dank der Globalisierung verändern nicht einmal neue Gewohnheiten einer ganzen Nation das schädliche Verhalten der Wirtschaft: Die Deutschen essen immer weniger Fleisch – also produziert die heimische Massentierhaltung für den wachsenden Export. Es werden spritsparende Autos gefahren – dafür immer größere und immer mehr.

Das ist nicht verwerflich, sondern logisch: Die übergroße Mehrheit der Käufer, Verkehrsteilnehmer und sonstiger Verbraucher wird immer Geld, Zeit und Aufwand sparen und unsichtbare Spätfolgen für Umwelt, Klima und Produzenten verdrängen – oder kennt sie gar nicht.

Denn der Mensch verhält sich in der Regel rational. Wenn er keine akuten Nachteile spürt, zieht er den billigen Inlandsflug nun einmal dem teuren Bahnticket vor – und schluckt das schlechte Gewissen herunter. Deshalb ist und bleibt die Politik in der Verantwortung dafür, dass die Lebensweise einer Gesellschaft als Ganzes nicht den Menschen anderswo in der Welt oder künftigen Generationen schadet.

Niemand würde behaupten, ein bisschen Gift im einen oder anderen Lebensmittel sei hinzunehmen, weil sich der Einzelne ja informieren, auf das giftige Essen verzichten und die Hersteller so zum giftfreien Produzieren bewegen könne. Dasselbe muss gelten, wenn die Schäden anderswo oder später anfallen: Dem Konsumenten ist nicht zuzumuten, für jede seiner Entscheidungen vorab die Ökobilanz zu errechnen und dann die Alternativen abzuwägen.

Das muss der Staat übernehmen. Dass das überhaupt umstritten ist, liegt freilich daran, dass die konkrete Umsetzung solcher staatlicher Lenkung unheimlich schwer ist. Denn allzu schnelle Verbote sind unpopulär und schlimmstenfalls freiheitsfeindlich. Und die sinnvolle Forderung, stattdessen zur Verbrauchslenkung die unsichtbaren Kosten bestimmter Produkte und Verhaltensweisen – etwa fürs Klima – durch Aufschläge, CO2-Steuern oder Strafzölle sichtbar zu machen, bestraft schlimmstenfalls die Ärmeren.

Es braucht intelligente Ideen – und einige davon gibt es ja schon. Man kann den CO2-Ausstoß belasten, dafür aber einen Sozialausgleich zahlen. Man kann Anreize schaffen, etwa zum Umstieg vom Auto in Bus und Bahn. Man kann jährlich ein bis zwei Flugreisen pro Kopf nur dezent verteuern, aber Vielflieger sowie schädliche Inlandsflüge stärker belasten. Man kann der Wirtschaft Zügel anlegen – etwa der Agrarindustrie für die Massentierhaltung – und so überbordende Billigproduktion eindämmen.

Man muss aber in jedem Fall Alternativen zu schädlichem Verhalten schaffen. So würde es zum Beispiel die rationale Handlung sein, eine pünktliche und preiswerte Bahnfahrt einem teuren Flugticket und einer stressigen Autofahrt vorzuziehen.

Insofern hat der Einzelne in der Demokratie tatsächlich eine beträchtliche Macht, die über die Vorbildfunktion als bewusster Konsument hinausgeht: Er kann politisch handeln – mindestens, indem er wählen geht. Ende des Monats gibt es wieder die Chance dazu.

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