Ein Drittel aller Wählerinnen und Wähler und die Hälfte aller Parteimitglieder ist über sechzig Jahre alt.
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Ein Drittel aller Wählerinnen und Wähler und die Hälfte aller Parteimitglieder ist über sechzig Jahre alt.

Kolumne

Die Macht der Alten

  • vonSabine Rennefanz
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Kluge Politik würde versuchen, die Nachteile der Demografie zu kompensieren, damit in 30 Jahren das Land nicht komplett einschläft.

Kürzlich wurde ich zu einem Beratungsgespräch eingeladen. „Wir erleichtern Ihren Alltag, wir helfen Ihnen im Haushalt“, versprach ein Flyer. Ich saß in der Küche, sah das schmutzige Geschirr im Waschbecken, die volle Waschmaschine, das hungrige Baby, und war interessiert, bis ich feststellte, dass es sich um ein Angebot eines Pflegedienstes handelte. Wenn ich drüber nachdenke, wird mir dauernd angeboten, mich beim Altwerden zu unterstützen.

Ich fahre an Baustellen vorbei, auf denen Häuser für altersgerechtes Wohnen entstehen. Ich sehe in Bussen, S- und U-Bahnen Werbung für Seniorenheime, die mir ihre Plätze anbieten. Einen Flyer, der mit Hebammenbetreuung oder Plätzen für Kindertagesstätten wirbt, habe ich noch nie bekommen.

Es liegt im Trend, sich als ehrenamtliche Sterbebegleiter zu engagieren und regelmäßig fremde Menschen im Altersheim zu besuchen. Das Land, so scheint es, ist eher mit dem Sterben als mit dem Leben befasst. Die Vergangenheit wirkt für viele offenbar aufregender als die Zukunft, deshalb werden alte Stadtschlösser aufgebaut und Kreißsäle geschlossen.

Klar, die Beschäftigung mit dem Altwerden und Sterben ist wichtig, der Tod trifft jeden, während man sich für ein neues Leben, ein Kind, extra entscheiden muss. Eigentlich will die Mehrheit der Deutschen auch Kinder, doch die Nachrichten sind so abschreckend, dass manch einer den Wunsch lieber aufschiebt: In einigen Gegenden gibt es kaum noch ausreichend Hebammen, die sichere Geburten gewährleisten können, der Ausbau von Kindertagesstätten stockt, es fehlen Erzieher. Bei Arbeitgebern mangelt es oft am Verständnis für das Leben mit kleinen Kindern. Von der Stimmung her gilt Kinderkriegen als ein Egotrip. Ihr habt es doch so gewollt, heult nicht rum.

Die meisten Rentnerinnen und Rentner helfen ihren Kindern und Enkeln. Doch durch ihre große Übermacht verändert sich was: Ein Drittel aller Wählerinnen und Wähler und die Hälfte aller Parteimitglieder ist über sechzig Jahre alt.

Und die Parteien kümmern sich um die, die sie wählen, und das sind zunehmend Rentnerinnen und Rentner. Deshalb werden neue milliardenschwere Wohltaten für Rentner beschlossen. Eine kluge Politik würde versuchen, die Nachteile der Demografie zu kompensieren, damit in dreißig Jahren noch Leute da sind, die die Rente erwirtschaften können, damit das Land nicht komplett einschläft.

Doch die einzige Zeit, in der viel über Familien geredet wird, ist die Wahlkampfzeit, da übertrumpfen sich die Parteien mit Versprechen. Die Sozialdemokraten werben mit Familienprämien, wenn beide Partner weniger Stunden arbeiten und sich die Betreuung kleiner Kinder teilen. Die CSU will jungen Eltern den Kinderwagen und Windeln schenken. Die Grünen haben angeblich zwölf Milliarden Euro für Familien zurückgelegt. Das liest sich alles ein wenig zu gut.

Wäre die Familienpolitik ein Haus, dann wäre das so, als ob ein Bauherr über goldene Klinken sinniert, bevor der Rohbau steht. Es wurden in den vergangenen Jahren etliche progressive Gesetze zugunsten der Familie, der Vereinbarkeit beschlossen, doch der familienunfreundliche Rahmen blieb intakt. Besser wäre es, die Grundlagen zu verbessern: Kitas richtig gut ausstatten, Erzieher und Hebammen angemessen bezahlen, ein zentrales Kita-Vergabesystem einführen, vernünftiges Elterngeld für alle.

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