+
Klimakatastrophe ist die Folge verschwenderischen Lebenswandels. 

Gastbeitrag

Mit Lust und Zwang in die Klimakatastrophe

Noch immer fällt es schwer, sich von der verschwenderischen Lebensweise zu verabschieden. Aber jetzt haben wir dafür sogar ein Vorbild. Der Gastbeitrag. 

Wer sich für die Zukunft seiner Kinder interessiert, sollte jetzt mit den Schüler*innen für Klimaschutz auf die Straße gehen. Alles andere wäre verantwortungslos und absurd.

Die Schulstreik entfaltet ungeahnte Wirkungen. Die hämischen Kommentare von älteren Männern aus Politik und Medien haben den Zuspruch eher noch verstärkt. An über 2000 Orten in 123 Ländern haben Schüler am globalen Aktionstag protestiert. Eine beeindruckende Zahl von Wissenschaftlern, Eltern, Politikern und Verbänden bis hin zu Teilen der Lehrergewerkschaft GEW zeigen sich mit den Streikenden solidarisch. Die Schüler verkünden schon selbstbewusst, dass sie die Europawahlen zu einer Abstimmung über den Klimaschutz machen wollen. Doch wie lange der Atem dieser neuen Klimabewegung tatsächlich reicht, ist noch nicht abzusehen.

Das Wissen ist längst vorhanden: Der Klimawandel gefährdet alles, was unser Leben ausmacht, von einer intakten Umwelt bis zum persönlichen Wohlbefinden. In der Psychologie entstehen in der Folge neue Begrifflichkeiten wie prätraumatischer Stress, Umweltmelancholie und Klimadepression. Doch anders gehandelt wird viel zu selten – politisch, wirtschaftlich und persönlich.

Haben wir die Warnungen schon zu oft gehört? Oder nicht häufig genug? Stimmt etwas mit der Verpackung der Botschaft nicht? Fakt ist: Niemand möchte zu der Generation auf diesem Planeten gehören, die die Grundlagen unserer Zivilisation unwiederbringlich zerstört. Und doch lebt gerade die aufgeklärte Mittel- und Oberschicht mit der besten Bildung und Einkommenslage sowie hohem Umweltbewusstsein besonders schonungslos auf Kosten künftiger Generationen.

Wer in Deutschland lebt und zum Beispiel regelmäßig in den Urlaub fliegt, zählt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den zehn Prozent der Weltbevölkerung, die aktuell den größten CO2-Ausstoß verursachen. Wer das genauer wissen möchte, kann seinen eigenen CO2-Fußabdruck ganz leicht auf der Internetseite des Umweltbundesamtes ermitteln. Laut Berechnungen des französischen Ökonomen Thomas Piketty gehören Personen mit einem Fußabdruck über 14,3 Tonnen CO2 pro Jahr zur sogenannten Gruppe der globalen Top-Verursacher.

Schon wenn diese Top-Verursacher ihren CO2-Ausstoß nur auf den EU-Durchschnitt zurückfahren, ist das Pariser Klimaziel ein großes Stück näher. Das könnte ermutigen, setzt aber voraus, dass wir bereit sind, unser Verhalten zu ändern, und dass die Politik aufhört, die fossile Industrie zu schützen und zu fördern.

Bisher steigen die weltweiten CO2-Emissionen jedes Jahr zu neuen Rekorden. In Deutschland stagnieren sie auf sehr hohem Niveau und steigen sogar teilweise weiter an. Klar ist: Je später wir handeln, desto drastischere Maßnahmen müssen ergriffen werden. Trotzdem ist eine Verhaltensänderung gerade in den wohlhabenden Ländern und Bevölkerungsschichten nicht in Sicht.

In Entwicklungs- und Schwellenländern schließen sich täglich neue Bevölkerungsschichten dem ressourcenintensiven Konsummodell an. Davon profitiert auch und besonders die Luftfahrtindustrie. Der Übergang vom exklusiven Statussymbol zum Massentransportmittel ist in vollem Gange. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl der Fluggäste weltweit verzehnfacht. Laut einer Strategie des Weltverbands für Luftverkehr soll der klimaschädliche Flugverkehr bis Mitte des Jahrhunderts um weitere 700 Prozent wachsen.

Ein großer Teil der Flüge finden allerdings nicht zum Vergnügen statt. Durch die Globalisierung sind immer mehr Menschen darauf angewiesen, über weite Strecken beruflich zu pendeln. Konsum wird damit schnell vom Versprechen zum Zwang.

Was ist an dem Glücksversprechen so überzeugend, an dem Zwang so fesselnd, dass wir bereit sind, alles dafür zu opfern? Handelt es sich wirklich nur um ein Kommunikationsproblem? Oft genug ist die ressourcenverschwendende Lebensweise ein Kompromiss, mit dem soziale Konflikte entschärft werden können.

Und doch können wir vom Pfad in die Heißzeit noch abbiegen. Sollte uns das gelingen, liegt das vermutlich an den handfesten gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Vorteilen von Klimaschutz. Eine der stärksten Triebfedern für unsere Verhaltensänderung dürfte aber der Wunsch sein, nicht nur mit unseren Kindern, sondern vor allem mit uns selbst ins Reine zu kommen.

Fridays for Future stimmt hoffnungsvoll. Endlich erheben diejenigen ihre Stimme für mehr generationsübergreifende Gerechtigkeit, die mit den Konsequenzen leben müssen. Es liegt an uns, der Einladung auf die Straße jetzt nachzukommen.

Von Till Below

Till Below arbeitet in der Entwicklungszusammenarbeit und ist beim Bund für Umwelt und Naturschutz. aktiv. Am 3. April (19 Uhr) diskutiert er im Ökohaus Frankfurt über Wege zur emissionsarmen Wirtschaft.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare