Kolumne

Luftnummern - überall

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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In Zeiten von Corona kann die Startbahn zum Ziel werden. Und nach der Rückkehr genießt man den Charme der Berliner Behörden.

Selbst Heimreisen sind in diesen Zeiten eine Expedition ins Ungewisse. „Sie kehren nicht in dieselbe Stadt zurück, die Sie verlassen haben“, hatte mir meine nette Berliner Nachbarin gemailt. Das Lebensgefühl habe sich sehr verändert.

Nun denn, das soll meine geringste Sorge sein, dachte ich, als ich nach drei Monaten Jerusalem den Koffer packte. Viel mehr trieb mich die Frage um, ob ich überhaupt den Abflug machen würde, nachdem zwei gebuchte Rückflugtickets bereits storniert worden waren.

Die Vorstellung, was mich wohl in Berlin erwarten würde, beschäftigte mich da wenig. Im Corona-Zeitalter ist schon der Weg, beziehungsweise die Startbahn das Ziel, und ein Flugschein noch keine Gewähr, dorthin zu gelangen.

Doch nun hatte ich die Bordkarte in der Hand, ausreichend Ersatzmasken in der Tasche und die Fiebermesskontrolle am Eingang zum Ben-Gurion-Airport unbeanstandet passiert. Und so verteilten wir Passagiere der seit Wochen erstmals wieder planmäßigen Lufthansa-Maschine von Tel Aviv nach Frankfurt uns ordentlich auf die rot markierten Abstandspunkte in der ansonsten geisterhaft leeren Abfertigungshalle. Eine vorbildliche Übung in pandemiebedingter Disziplin, die nach dem Boarding allerdings ihr Ende fand.

Aber wer protestiert schon, wenn er oder sie endlich im Flieger sitzt und feststellen muss, dass das mit den rot durchgeixten Mittelplätzen in der Online-Übersicht reine Theorie ist? Sie haben uns ein X für ein U vorgemacht, seufzte ich im Stillen, als ein recht behäbiger Mensch sich zwischen meinen Fenstersitz und den bereits besetzten Sitz am Gang wuchtete.

U wie es Usus schon immer in den Economy-Reihen war, nicht nur in diesem Airbus, sondern, wie allenthalben zu hören ist, im gesamten, gerade wieder durchstartenden Luftverkehr. Viel bleibt einem da nicht übrig, außer auf die angeblich so effizienten, virenabtötenden Filter der Kabinenbelüftung zu vertrauen.

Nach Landung in Rhein-Main hätte ich da liebend gerne zur Nervenstärkung ein paar Frankfurter Würstchen verdrückt. Aber Fehlanzeige. Die Flughafenrestauration war dicht und von Corona-Absperrbändern umzingelt. Das gleiche Bild bei Ankunft in Berlin-Tegel. Also nichts wie raus.

Dumm nur, dass ich mit dem Rolli im Schlepptau am Ausgang noch mal kehrtmachte, um mich aus journalistischer Neugier bei zwei gelangweilt umherstehenden Polizisten zu erkundigen, was sie denn da Schönes zu verteilen hätten. „Ist nur für Leute aus dem Ausland.“ – „Da komme ich her.“ – „Dann lesen Se det hier mal durch“, schob mir der Eine ein Merkblatt zu.

Das tat ich, rief brav, wie angegeben, beim Bezirksgesundheitsamt an, das eine Einzelfallprüfung veranlasste und mich nach ausgiebiger Beratung in Quarantäne schickte. Auch wenn Israel auf der Covid-19-Hitliste weit hinter Deutschland liege, müsse ich mich infolge eines Infektionsausbruchs an Jerusalemer Schulen 14 Tage häuslich isolieren.

Wie bitte? Mit besagten Schulen hatte ich nie das Entfernteste zu tun. Sollte ich mich überhaupt je in einer Gefahrenzone befunden habe, dann höchstens im Flieger, wo wir, alle maskiert, wie in einer vollgestopften Büchse hockten.

Schon meine Einwände versetzten die Dame vom Amt in gereizte Stimmung und erst recht meine Nachfrage, wie viel Ordnungsgeld es denn kosten würde, falls ich mal kurz Berliner Frischluft schnappen müsste.

Berlin, du hast mich wieder. Dein Behördencharme ist und bleibt unverwechselbar.

Inge Günther ist Autorin.

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