Coronavirus

Lohn der Angst

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Selbst wenn man in ein abgelegenes Haus flüchtet, kann man dem Coronavirus nicht entkommen. Das ist irritierend. Die Kolumne.

Ich bin auf der Flucht. Gerade habe ich die Autobahnraststätte Linumer Bruch hinter mir gelassen, nördlich von Berlin, Richtung Provinz, Richtung Einsamkeit. In der Raststätte ging es links zu McDonald’s, rechts zu Nordsee, in der Mitte kamen mir zwei Chinesen entgegen mit einem Supersparmenü in der Hand. Coronavirus, dachte ich, schreckte zurück, und war mir selber peinlich. Paranoia geht um, kein Zweifel, irgendwie wird gerade jeder verfolgt: von den Gespenstern der Vergangenheit, von Gläubigern, von Gläubigen, von Viren.

Zu Hause, auf dem Land, im einsam gelegenen Häuschen verkrieche ich mich. 20 große Dosen passierte Tomaten, ein Karton Penne – heute Synonym für Nudeln, früher für Schule – und ein Block Hartkäse sollten für zwei Wochen reichen. Danach noch drei Tage hungern, was man später als Fastenzeit deklarieren kann, und der Alarm ist vorbei. Kontakt zur Außenwelt nur über Telefon.

Ein Kollege erzählt, er habe eigentlich nach Hongkong fliegen wollen, Fortbildungskurse geben, und nun sitzt er auf gepackten Koffern, und seine Wohnung ist für ein halbes Jahr untervermietet. Er ist das erste Opfer von Corona, das ich persönlich kenne, wenn auch nur öknomisch. Aber die Wirtschaft ist ja das deutsche Heiligtum, schon wieder sind wir Exportweltmeister, Maschinen und Autos, keine Krankheiten, von Selbstüberschätzung mal abgesehen.

Während der Ofen blubbert und mit Wärme um sich wirft, greife ich zum Fernglas, Vögel beobachten. Sind noch nicht so viele, die meisten schweifen noch im Süden. Eigentlich wollte ich ja in der Stadt bleiben und über die 20er Jahre nachdenken, die gerade groß in Mode sind. Erstens weil sie neu sind, gerade ein paar Tage alt. Zweitens haben sie vor neunzig Jahren aufgehört. Drittens laufen sie im Fernsehen.

Die alten 20er Jahre verursachen Horror und Spaß in einem Rutsch. Spaß, weil es turbulent zugegangen sein soll, mit Sex und Crime und Bauhaus, und Horror, weil es böse endete. Horror und Spaß paßt aber auch gut zur Gegenwart: brodelndes Halligalli bei permanenter Diktatorenwarnung, Platzen-der-Blase-Warnung, Warnung vor der Warnung und jede Menge Serienkiller im Fernsehen, selbst auf der letzten Nordseeinsel. Da kann einem schon mulmig werden beim Blick nach vorn.

Allerdings hat schon Karl Marx gesagt, dass sich das Neue gerne in alten Kleidern zeigt. Man hält sich gerne an der Vergangenheit fest, während man kopfüber in die Zukunft stolpert, über die man nicht so gerne nachdenkt, weil sie unbekannt ist. Die 20er Jahre sind vorbei, auch wenn sie gerade erst anfangen.

Wieder klingelt das Telefon. Eine Freundin berichtet, sie habe beobachtet, wie asiatisch aussehende Personen nicht mehr am Gemüsestand bedient worden wären, und alle Mundschutzbestände seien ausverkauft. Außerdem hätte die Weltgesundheitsorganisation eine Warnung vor einer Infodemie ausgegeben, ein ganz neues Wort, so frisch wie der Virus, nicht mal ein Wikipedia-Eintrag kann nachgewiesen werden.

Das Wort beschreibt all die Falschmeldungen, Erfindungen, Gerüchte und Lügen, die sich um das Virus verbreiten wie die Quarantäne um Wuhan. Wahrscheinlich, befürchte ich, kann es auch über Telefon übertragen werden, und ich lege auf.

Der Ofen blubbert immer noch. Ich stelle das Fernglas schärfer. Im Gebüsch bewegt sich etwas. Eine Horde Spatzen. Wahrscheinlich Vogelgrippe, denke ich. Oder Karl Marx.

Volker Heise ist Filmemacher

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