Kolumne

Liefern und liefern lassen

  • schließen

Es soll mal wieder alles leichter werden. Doch die Lieferanten von Essen verstopfen die Radwege und werden mickrig bezahlt.

D ie allgemeinen Fantasien gehen seit jeher auf die große Mühelosigkeit. Lange ging es dabei um Erleichterungen an Ort und Stelle. Lebensmittel kühlen, Wäsche waschen. Technologische Anstrengungen und Entwicklungen brachten schließlich Haushaltsgeräte hervor, die Leben und Wohnen zu einem gefälligen Nebenbei machen sollten.

Die Werbewelt der 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bringt das auf anrührende Weise zum Ausdruck. Es ging dabei nicht zuletzt um gönnerhaft gewährte Freiheiten für die Hausfrau. Bauknecht weiß, was Frauen wünschen. Die sexuelle Konnotation dieses Werbeslogans wurde sogleich in pragmatische Nützlichkeit überführt. Bauknecht hilft beim Saubermachen und Herunterkühlen. Das war leicht zu durchschauen. Aber solange es funktioniert?

Der Fortschritt ist unaufhaltsam, und noch immer bahnt er sich seinen Weg über die Illusion, das Leben ein bisschen einfacher zu machen. Simplify your Life. Jetzt mit Drohne und autonomem Fahren. Alles wie von selbst, flüsterte in den 60ern eine Zigarettenreklame.

Die Plackerei findet unterdessen auf der Straße statt. Junge Männer zerren an Handkarren, und die Autos konkurrierender Lieferservices versperren gleich im halben Dutzend die Fußwege. Ein Gebrülle und Gehupe erfüllt den Stadtraum, weil ein in zweiter Reihe abgestelltes Fahrzeug wieder einmal den Verkehrsfluss behindert.

Draußen vor der Welt, in die man liefern lässt, geht es mitunter recht ruppig zu. Das Lebensgefühl der Nachbarschaft wird dabei reichlich strapaziert. Es kann schon einmal vorkommen, dass die paar Kisten Wein im drei Kilometer entfernt befindlichen Lottoladen abgeliefert worden sind. Der Budiker macht das gern in der Hoffnung, dass die Empfänger ihm noch ein paar Zeitungen und anderes abkauft.

Das klappt allerdings auch nur dann, wenn das für den Abtransport benötigte Lastentaxi geduldig in der zweiten Reihe wartet. Liefern und liefern lassen hat eine betriebsame Geschäftigkeit hervorgerufen, von der die coole Amazon- und Zalando-Philosophie überhaupt nichts wissen möchte.

Aus der digitalen Ökonomie vernimmt man allenfalls die leisen Zischgeräusche, mit denen eine Bestellung auf den Weg gebracht wird. Technologisch ist man längst schon ein paar Flugstunden weiter.

Das Dröhnen der Drohne suggeriert eine neue Leichtigkeit, in der unbemannte Flugobjekte die Lufthoheit über dem urbanen Raum übernommen haben. In der Vorstellung der neuen Ökonomie sind die armen Lieferanten von Waren unterschiedlichen Art nur die mickrig bezahlten Hilfskräfte, die von einer veredelten Mühelosigkeit künden.

Wer doch noch einmal hinaus muss, überlässt alles den raffinierten Fahrassistenten. Wie schön es inzwischen doch ist, von hier nach da zu kommen. Nur manchmal noch überprüfe ich, ob es mit der einst mühsam erlernten Kunst des Einparkens noch klappt. Wie schön es doch war, als das Werbeversprechen noch auf die Freiheit des Fahrens zielte.

Harry Nutt ist Autor.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare