1. Startseite
  2. Meinung

Das Lied vom Tode des Kinos

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Arno Widmann

Kommentare

George Clooney auf der Berlinale: Die Filmszene feiert gegen den Abgesang aufs Kino an.
George Clooney auf der Berlinale: Die Filmszene feiert gegen den Abgesang aufs Kino an. © dpa

Immer mehr Menschen schauen Filme auf dem Smartphone. Das verändert nicht nur die Sehgewohnheiten, sondern die gesamte Nahrungskette der Branche. Der Leitartikel.

Quentin Tarantino mag nicht mehr. Steven Soderbergh auch nicht, und Steven Spielberg und George Lucas glauben nicht mehr an Hollywood. Letztere finden die Lage darum so unerträglich, weil Hollywood sich abhängig macht vom Erfolg seiner Mega-Produktionen. Scheitern davon in einer Saison zwei, dann bedeutet dies das Ende für die entsprechenden Filmproduktionsfirmen. „Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ Der Satz stimmt, denn die, die mal betrieben, was sie heute kritisieren, die wissen am besten, wovon sie reden.

Wer Tarantinos Abgesang aufs Kino liest, der spürt dessen Befürchtung, dass er an Tempo und Durchschlagskraft verlieren könnte. Schockieren, so erklärt er, könne er heute niemanden mehr. Er hat sich ein großes Publikum herangezogen, das ihn versteht. Es geht ihm ein wenig wie den Grünen. Je größer ihr Erfolg ist, desto überflüssiger werden sie. Quentin Tarantino hat noch ein anderes Problem: „Schon die Vorstellung, dass sich jemand meine Filme auf dem Telefon anguckt, macht mich fertig.“ Er macht Filme für die große Leinwand. Es bleibt nichts übrig von ihnen, wenn man sie sich auf einem Display mit maximal 14 Zentimetern Bildschirmdiagonale anschaut.

Der Anteil derer, die Filme in erster Linie auf dem Smartphone schauen, wächst monatlich. Das hat nicht nur rabiate Folgen für die Finanzierungsmöglichkeiten von Filmen – fast gleichgültig, ob sie als Kino- oder Fernsehfilme produziert wurden –, sondern auch Folgen für die Ästhetik. Die neue Technik wird neue Sichtweisen provozieren.

Auf dem kleinen Bildschirm ist kein Platz für große Landschaften. Die Parole wird wohl heißen: Talking Heads. Aber die Veränderungen ergreifen heute die gesamte Nahrungskette der Filmindustrie. Darum trifft der Hinweis nicht, dass das Kino ja schon seit Jahrzehnten totgesagt wird und noch jedes Mal wieder aus dem Grab auferstand. Das waren Zusammenbrüche einzelner Abschnitte des Produktions- oder Konsumtionsprozesses.

Das Pfeifen im Walde

Und die Oper? Die überlebt ihren Tod schon seit Jahrhunderten. Warum soll das dem Film nicht auch gelingen? Die Oper wurde allerdings immer subventioniert. Mal als Hof-, mal als Staatstheater. Der Film dagegen war am Anfang ein Geschäftsmodell, eine Massenunterhaltung auf Jahrmärkten.

Es dauerte eine Weile, bis schlaue Köpfe gerade darin eine neue Kunstform erblickten. Dann kamen Künstler und machten aus Kino eine Kunst. Für die war es immer wieder eng im Filmgeschäft. Dagegen wurden fast ebenso häufig Aufstände angezettelt mit dem Motto „Papas Kino ist tot!“ Jetzt aber stehen keine jungen Regisseure mehr da, die die Papas verdrängen und an deren Stelle die eigenen Filme in die Kinos bringen möchten. Jedem ist klar, dass immer weniger Menschen noch ins Kino gehen werden, um sich einen Film anzusehen.

Es ist vierzig Jahre her, als in einem Kino in Frankfurt am Main der Ruf zu hören war: „Wann kommt in diesem Eisladen endlich der Film?!“ Damals kam nach der Werbung für die zukünftigen Filme eine Eisverkäuferin in die damals noch riesigen Säle und bot „das kleine, rassige Vergnügen“ einer Eis-Firma an. Je mehr Leute kauften, desto länger musste der Rest des Publikums auf die Vorstellung warten. Das wird heute alles rationeller gemacht.

In den großen Kinos, die es immer noch gibt, wird ein wachsender Teil des Umsatzes mit Popcorn und Konsorten erzielt. Das heißt, selbst im Kino sinkt die Bedeutung des Films. Denkt man daran, wie viele T-Shirts, Spiele und vieles mehr zu einem Blockbuster verkauft werden, dann bekommt man den Eindruck, der Film ist nur noch die Leimrute, die von cleveren Geschäftsleuten ausgelegt wird, um Konsumenten festzuhalten, damit sie ganz andere Produkte kaufen.

Man will uns weismachen, die riesigen Aufwendungen der Filmindustrie für das Marketing hätten etwas damit zu tun, dass es um die „Promotion“ neuer Produkte ginge. Das ist nicht wahr. Wären die Produkte wirklich neu, könnte man sich sehr viel Werbung sparen. In Wahrheit handelt es sich um Variationen von Variationen desselben Produkts auf einem immer kleiner werdenden Markt.

Wer da wachsen will, muss seine Marktanteile erhöhen. Wenn keine technische Innovation in Sicht ist, jedenfalls keine, die die Kinos wieder über Jahre füllt, wenn auch künstlerisch keine „Nouvelle Vague“ sich andeutet, mit der bei geringem Kapitaleinsatz höchste Renditen zu erzielen wären, dann schlägt die Stunde des Marketing.

Die, die nur mit Filmen Geld verdienen können, kämpfen auf schrumpfenden Märkten gegen die anderen, die auch nur mit Filmen ihr Geld verdienen können, um wenigstens ein wenig mehr Marktanteil. Das verschafft ihnen zwar nur einen Aufschub. Aber doch immerhin den. Die Fröhlichkeit während der Berlinale wird wieder etwas vom Pfeifen im Wald haben.

Auch interessant

Kommentare