Auslese

Liebevolle Nachrufe

  • Harry Nutt
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Warum die Deutschen Siegfried Lenz mochten.

Ohne das qualmende Accessoire geht gar nichts in den liebevoll zurückschauenden Nachrufen auf den Schriftsteller und Pfeifenraucher Siegfried Lenz. Wolfgang Höbel erklärt sich das auf Spiegel Online so: „In einer Generation großer deutscher Pfeifenraucher war er der gütigste und liebenswerteste unter den Tabakschmauchern, übertroffen nicht mal von dem gleichfalls stets obersympathisch am Pfeifenholm kauenden Schauspieler Joachim Fuchsberger. Der Schriftsteller Siegfried Lenz ging auch bei der Schreibarbeit und beim Vorlesen seiner Bücher mit jener bärbeißigen Vergnügtheit und Gelassenheit ans Werk, die er beim Rauchen an den Tag legte. So reizend und ehrenwert sei dieser Mann, dass die Lobeshymnen der Feuilletons gar nicht wirklich seinem Roman ‚Deutschstunde‘ gelten könnten, höhnte im Jahr 1968 ein böser Kritiker: Es sei nicht das Buch, sondern der Autor Siegfried Lenz, den fast alle Deutschen liebten.“

Gerrit Bartels bemerkt im „Tagesspiegel“, dass die Zuneigung zu Lenz auch mit dessen zurückhaltender Gestik und Ausdrucksweise zu tun habe, die stets auch von Ostseeluft durchweht gewesen sei. „Über seine Kindheit und Herkunft hat er sich bis ins hohe Alter ausgeschwiegen, da verwies er bei entsprechenden Fragen stets auf seine schon 1966 veröffentlichte biografische Skizze ‚Ich, zum Beispiel‘ und sagte: ‚Man hat früh die Neigung, sein Leben zu bilanzieren. Später wird es problematischer. Ach ja.‘ Dieses ‚Ach ja‘, mit dem er viele seiner gesprochenen Sätze beendete, hatte nicht nur etwas Seufzendes, sondern auch leicht Melancholisches, so als sei es eben ein Sisyphos-Kampf, die Verständigung unter den Menschen besser zu gestalten. Gut möglich, dass Lenz auch ‚Ach ja‘ geseufzt hat, als vor kurzem noch einmal eine Debatte darüber aufflammte, dass er Emil Nolde in seiner ‚Deutschstunde‘ zu positiv dargestellt habe – als wäre ihm die Ambivalenz, die politische Zwielichtigkeit Noldes nicht bewusst gewesen. Ein Großteil seines Werkes bleibt trotzdem gültig – und vor allem bleibt die Erkenntnis: Einer wie Siegfried Lenz wird Deutschland fehlen.“

Jan Feddersen preist in der „taz“ die Lenz’sche Welterklärung durch Geschichten. „Er hörte – Kempowski gleich – wahnsinnig gerne Begebenheiten, Stories, Anekdoten, musste sie aufschreiben und der Welt zeigen. Und wie ihm das gelang – vor allem in den ostpreußisch gehaltenen Romanen. Sie lesen sich wie Klangbilder einer nicht wiederkehrenden Kultur. Insofern blieb immer das Heimatliche sein Thema. In einer schön bebilderten Geschichte über ‚Jütländische Kaffeetafeln‘ berichtete er, wie sein Ferienhaus in Dänemark von den Nachbarn begutachtet wurde, ehe sie ihn als einen der ihren erkennen wollten. Gesten von Gästen, die Anerkennung ohne die Mildtätigkeit von Gastgebern wollen und zeigen, dass sie auch dazugehören können.“

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