Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Fragen an Jörg Thadeusz

Lieber Herr Thadeusz!

  • VonJörg Thadeusz
    schließen

Wie viel Demokratie können wir uns leisten?

Die Demokratie wird sich nicht durchsetzen. Nicht praktikabel. Der DJ wird nie die Club-Besucher über den nächsten Titel abstimmen lassen. Das Publikum ist ihm untertan. Es gibt im Raum keinen wie ihn. Einige DJs kehren sogar zu absoluten Herrschaftsformen zurück. Ein Bekannter, der für Geld auflegt, hat kürzlich Musikwünsche der Tänzerinnen und Tänzer verboten. Natürlich gab es Murren. Das Verhältnis zu Gott verschlechterte sich nach Missernten auch immer vorübergehend, denkt wahrscheinlich der DJ-Bekannte.

Ein Flugzeug kann nicht demokratisch geflogen werden. Einer muss sagen, ob das mit den Flammen aus dem Triebwerk schlimm ist. Womöglich sitzt noch ein Wallone an Bord und möchte doch lieber Schub rausnehmen. Nachdem sich alle anderen prinzipiell auf mehr Schub geeinigt hatten. Ich wage die Vorhersage: Wenn in der Luftfahrt nach Mehrheitsentscheidung geflogen würde, kämen viele Facebook-Mitglieder mit der Trauer-Einfärbung ihrer Profilbilder gar nicht mehr nach.

Ist ein Ballettensemble eine demokratische Einrichtung? Wann wird denn dann endlich mit der erforderlichen Mehrheit ein Pummelchen zur Primaballerina gewählt? Bedankt sich ein Koch bei seinen Wählern? Können die Spüler die Vertrauensfrage stellen? Wenn jetzt jemand kommt und mich bezichtigt, ich sei kein überzeugter Demokrat, dann mache ich etwas zeitgemäß Demokratisches: Ich übernehme Verantwortung. Schiebe also anderen Leuten die Schuld in die Schuhe.

Tatsächlich habe ich im Alter von elf Jahren gegen unseren Wohnort demonstriert. Das war zwar altklug und snobistisch. Die alleinerziehende Friseurin, die mir das Leben schenkte, ohne mich erst nach einer ausführlichen Kandidatur auswählen zu können, wollte davon nicht nur nichts hören. Sie behandelte mich auch nicht als Oppositionsführer auf Augenhöhe. Stattdessen kündigte sie an, ich käme „ins Heim“, wenn ich so weitermache.

Am 1. Oktober 1982 überführte ich dann auch noch meine Oma als Antidemokratin. Sie zeigte freischärlerhafte Züge, als sie vor dem Fernseher das Ende der Ära ihres Helmuts nicht hinzunehmen bereit war. Stattdessen gestikulierte sie wüst in Richtung Bildschirm und kündigte „dem Dicken“ eine gehörige Tracht Prügel an. Dabei war der Vorgang, mit dem Helmut Kohl an diesem Tag Helmut Schmidt die Macht abnahm, ein blitzsauberes konstruktives Misstrauensvotum.

Kein Wunder, wenn heute vom postfaktischen Zeitalter die Rede ist. Damals war Politik nämlich viel faktischer. In dem Teil des Landes, aus dem ich stamme, ereignete sich Demokratie, wenn Esther Bittner auf unserem kleinen Marktplatz im Auftrag ihrer SPD Würste briet und an Wähler verteilte. Der zentrale demokratische Akt war dann der Spaziergang zum Wahllokal. Wo sich auch meine Großeltern mit ihrer Stimme für die Bratwurst bedankten.

Heute beklagen viele, sie wären zwar Volk, würden aber an der Herrschaft des Volkes nicht angemessen beteiligt. Meistens Menschen, die bei der Wahl gerne mehr als nur eine Stimme hätten. Dafür aber dennoch nicht bereit sind, auch nur eine Stunde an Esther Bittners Holzkohlegrill zuzubringen. Ein weiterer Pluspunkt der Demokratie: Sie kann sich sogar die leisten, die sie nicht unterstützen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare