39 Prozent der Deutschen können mit dem Namen Mit Romney nichts anfangen.
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39 Prozent der Deutschen können mit dem Namen Mit Romney nichts anfangen.

Kolumne

Lieber Herr Thadeusz

sind Sie so ehrlich wie Mitt Romney?

Mitt Romney ist in Deutschland ehrlich unbekannt. Kürzlich antworteten bei einer Umfrage 39 Prozent der Befragten, sie wüssten über den Mann nichts zu sagen. Das ändert gewiss nichts an der Rollenverteilung in der deutsch-amerikanischen Beziehung. Der Amerikaner ist weiterhin als Ignorant anzusehen. Der selbst nach längerem Grübeln nicht sagen kann, wie noch mal der König des Landes heißt, aus dem der Basketballstar Dirk „Dörk“ Nowitzki stammt.

Weiter im Klischee: Jeder Deutsche sprießt aus dem satten Boden einer jahrhundertealten Kulturnation. Sagt sich morgens unter der Dusche Verse aus Goethes Faust auf. Zerstreut sich beim Mittagessen mit einer Diskussion über Schopenhauer. Ehe sich der gebildete Germane am Abend mit all den anderen großen Geistern im Quasi-Hörsaal der Republik versammelt. Um zu lernen, was Michelle Hunziker dieses Mal in einer Unterhaltungs-Show zustößt. Oder um dem Brabbel-Ungetüm Peter Scholl-Latour immer noch für einen Experten in irgendwas zu halten. Oder um mit einer toupierten Kommunistin von einer neuen DDR zu träumen.

Viele Deutsche kennen Mitt Romney nicht. Würden sie ihn kennenlernen, könnten sie ihn wahrscheinlich nicht leiden. Viel zu reich. Und viel zu sehr einer von drüben. Optisch ist der Mann so amerikanisch wie ein fettfreier Sojamilch-Kaffee-Latte. Wieder dieses irre markante Kinn. Das immer so aussieht, als würden amerikanische Jungs nicht von einer Mutter geboren. Sondern stattdessen aus einer Granitwand gemeißelt. Wer ihn nicht kennt, aber häufiger in deutschen Zeitungen mit seinem Konterfei konfrontiert ist, könnte ihn für einen dieser Glücksritter halten. Für einen weiteren Amerikaner, der in Deutschland sein Glück versucht. Weil er es zu Hause nicht schafft. Wie seinerzeit David Hasselhoff. Dem mochte in der Vereinigten Staaten aus guten Gründen niemand beim Singen zuhören. Die Deutschen dagegen ließen sich von ihm zur Wiedervereinigung die Stampf-Hymne „Looking for freedom“ schenken. YouTube lässt den Zugang zu einem Video zu, in dem Hasselhoff den Song vor etwa zwei Jahren gemeinsam mit dem Österreicher Andy Borg im Fernsehen verübt.

Ich bin noch unschlüssig, ob ich meinen heiligen Zorn über dieses Schand-Video durch gewaltsame Proteste vor der amerikanischen oder der österreichischen Botschaft entladen soll. Immerhin: Romney singt meistens nicht. Als er es einmal tat, wurde seine Version von „America the beautiful“ sofort zur Wahlkampfmunition für seine Gegner. Es gibt etwas Schlimmeres als die aktuelle Krise, sagten die Spots. Nämlich einen Präsidenten, der so singt wie Romney. Selbstverständlich gönne auch ich Mitt Romney seinen Reichtum nicht. Meine Staatsangehörigkeit ist schließlich Neid. Allerdings setzt mir noch mehr zu, dass ein gegen seinen Willen aufgenommenes Video sofort Millionen Zuschauer hat. Nur weil dieser unbeholfene, weltfremde Mann wieder etwas Aggressives über arme Amerikaner gesagt hat.

Wenn ich Ihnen zuflüstern würde, dass wir im Fernsehprogramm des RBB jeden Dienstag um 22.15 Uhr ein beinahe geheim hergestelltes Video zeigen, würden Sie das dann ihren Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen weiterleiten? Das wäre schön. Ehrlich.

Jörg Thadeusz, RBB-Moderator.

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