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Lieber Herr Thadeusz,

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würden Sie gern schon mit 67 in Rente gehen?

Lange Zeit wusste ich nicht, was gemeint ist, wenn in der Werbung für Erkältungsmedikamente von „Gliederschmerz“ die Rede war. Ich musste also die Vorstellungskraft bemühen. Wenn Arme und Beine, aber auch der Kopf so unangenehm schwer werden, dass sie nur unter Ächzen zu bewegen sind, sowas ist „Gliederschmerz“.

Dieses Phänomen stellt sich bei mir aber auch ein, wenn es um Rente geht. Oder bei sogenannten Verbraucherhinweisen. Davon bekomme ich Gliederschmerz. Gliedschmerz übrigens auch. Denn wenn von Altersruhegeld die Rede ist, dann kann ich mir dazu leider überhaupt keinen wunderbaren nymphomanen Wahnsinn auf einer Sonneninsel vorstellen.

Nein, ich möchte nicht DER Verbraucher sein, der von einem schmierigen Hotelier in eine Abstellkammer gepackt wird und sich nur wehrt, indem er klammheimlich Fotos für die anschließende Klage gegen den Reiseveranstalter aufnimmt. Genauso wenig möchte ich DER Rentner sein. Dessen Lebensleistung irgendwelche CDU-Parlamentarier mit unregelmäßig keimendem Oberlippenflaum auf unbehaglich glitschige Weise verteidigen.

Das Altenteil: Privileg früherer Generationen

Vielleicht liegt es an der Weissagung eines Rentners: Vor einigen Jahren traf ich vor dem Zeitungsgeschäft eines andalusischen Küstenortes einen gut gekleideten, stramm da stehenden deutschen Mann. Er sei Rentner, sagte er. Und es würde ihm schlicht fantastisch gehen. Ich allerdings würde ihm sehr leidtun, sagte er auch noch. Denn mir werde es als Rentner viel, viel schlechter gehen als ihm. Dieses fabelhafte, fohlenfit genossene Altenteil sei nun mal das Privileg seiner Generation.

Es war mein erstes Gespräch über die Rente ohne diese speziellen Schmerzen. Denn dieser Mann war nicht nur überaus sympathisch. Er wirkte auch ungeheuer viril. Rollenspiel-Sausen mit dem Dresscode „Badekappe only“, Ü-60-Hottentottentanz mit DJ Salsa-Ralle, der Mann schien mir zu jedem Übermut in der Lage. Aber auch zur Ausstellungseröffnung, wenn eine Stuttgarter Rentnerin in besagtem Ort ihre neuesten Seidenmalereien zugänglich macht. Natürlich in hohen Schuhen und auch ansonsten sexy as hell. Topfit vom Betriebs-Yoga und den Wellness-Wochenenden und von den schönen Urlauben. In meinem Fitness-Studio laufen gelegentlich Frauen zum Pilates ein, die ich der Rente verdächtige. Jedenfalls muss der Verschleiß bei denen tief innenliegend sein. Es mag kleinere Hinweise auf ein Geburtsjahr um 1950 geben. Aber insgesamt sind sie tauschön. Man könnte meinen, sogar arbeitstüchtig.

Von der Korrektheitspolizei überwacht

Sollte ich solche Beispiele am falschen Tisch nennen, kommt sofort die Korrektheitspolizei. Revolutionswächter der sozialen Gerechtigkeit, mit dem gedachten Aufnäher „Brigade Ottmar Schreiner“ am unteren Ärmel. Ob ich denn bitteschön möchte, dass ein von 40 Erwerbsjahren zerschundener Dachdecker mit 67 vor Erschöpfung vom Dach knallt? Nein, möchte ich nicht. Ob ich schon mal was von Altersarmut gehört habe? Ja, meine Oma saß gelegentlich im Dunklen, um Strom zu sparen. Und das war kein Geiz.

Ich würde mir sehr wünschen, jemand würde nachweisen, wo und wie sich Franz Müntefering verrechnet hat, als er der Rente mit 67 zustimmte. Ansonsten möchte ich Spanischsprecher, Hefekuchenbeherrscher und Ultra-Marathonläufer werden. Aber 67 erst dann, wenn es soweit ist.

Jörg Thadeusz ist RBB-Fernsehmoderator.

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