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Kolumne

Lieber Herr Thadeusz!

  • VonJörg Thadeusz
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Würden Sie einen Flüchtling aufnehmen?

Mein Flüchtling war nicht auf der Flucht. Seine Not war keine große. Verglichen mit dem Elend, vor dem Millionen Menschen auf der Erde täglich fliehen. Mein Flüchtling war ein wohlgenährter deutscher junger Mann. Aber verzweifelt.

Ich war mehrere Stunden im Schneckentempo über das Eis einer deutschen Autobahnverklumpung gerutscht. Hatte getankt, Kaffee gekauft und wollte die nächsten 500 Kilometer nach Hause fahren. Da stand er neben meinem Auto. Ob ich ihn mitnehmen könne. Er müsse zu einem Bewerbungsgespräch in der Stadt, in der ich damals wohnte. Seine eigene Kiste sei gerade eben total kaputt gegangen.

Wir mühten uns mit dem Gespräch. Ich plapperte wie ein Nymphensittich auf Koks. Er beschränkte sich auf missmutige Einwände. Was alles gewiss nichts werden würde. Zum Glück kann ich ihn bald in seinem Hotel abliefern, machte ich mir Mut. Da trinkt er noch ein halb leeres Glas von irgendwas und träumt schlecht. Mitten in der Nacht kamen wir in meiner Stadt an. Er hatte kein Zimmer reserviert. Wir hielten vor Buden, die alle Hotel Bellagio heißen könnten und ein durchgelegenes Bett an einer Hauptverkehrsstraße zum Metropolen-Balla-Balla-Preis anbieten.

Alles über seinem Budget, entschied mein Flüchtling. Gleichgültig, an welcher Kaschemme wir hielten. Er benahm sich unmittelbar so eingeschnappt, als würden mir drei Hotel Bellagio gehören. Mittlerweile hatte mich eine übermüdete Gereiztheit fest im Griff. Unausgesprochen formulierte ich Sätze wie „Weißt du, was du mich gleich mal kreuzweise …“

Kein Happy-End

Stattdessen sprach das harmoniebedürftige Hascherl in mir über das Sofa, das in meiner Einzimmerwohnung stand. Siehst du das, Sankt Martin? Du und dein doofer geteilter Mantel, demnächst gehen die Kinder zu meinen Ehren mit dem Lampion durch die Gegend. So saugut bin ich. Solche Selbstgespräche habe ich in Erinnerung. Zumal mir noch eine echte Gefahr drohte. Denn in der kleinen Wohnung schlummerte die geliebte Pragmatikerin, der vor deutlichen Worten nicht bange ist. Gerade, wenn sie im Schlaf gestört wird. Ihr Bademantel kam mir prompt wie ein Kampfanzug vor. Dabei dramatisierte ich ihr die Leidensgeschichte unseres Mitbewohners im Stil des Kreuzwegs Christi.

Am nächsten Morgen fiel ihm auf, mit seinem Auto seien auch seine Klamotten liegen geblieben. Mein Anzug war ihm viel zu groß. Da er in diesem Bewerbungsgespräch aber ohnehin nur auf Mitleid setzen konnte, war er passend gekleidet. Am frühen Abend kehrte ich von der Arbeit in eine angespannte Küchensituation zurück. Meine Freundin schmierte dem Flüchtling Brote für die Heimfahrt. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie darüber fantasierte, irgendwann als fleischfressende Pflanze wiedergeboren zu werden.

Nein, es gab kein Happy End. Keine Weihnachtskarte und auch sonst keine Nachrichten. Vielleicht hat sich der Flüchtling erfolgreich beworben, ist Chef geworden und in seiner Firma sind heute alle so traurig wie er. Mein Widerwillen wäre noch größer als damals. Aber ich würde es heute wieder genauso tun. Allein deswegen, weil mir schon Fremde in Uganda, in Kenia, in Indien und woanders auf der Welt geholfen haben. Ohne dass ich auch nur in der Nähe von echter Not war.

Jörg Thadeusz ist RBB-Moderator.

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