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Lieber Herr Thadeusz!

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Von: Jörg Thadeusz

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Wer darf beim Sterben helfen?

Bei mir wird nicht gestorben. Hat ein Notarzt immer gesagt. Wir Sanitäter haben dann so lange weiter gemacht, wie er es für richtig hielt. Ich habe auf sehr viele Brustkörbe gedrückt, in denen das Herz nicht mehr von allein schlug. In diesen Situationen gibt es nicht viele Worte. „Reicht“, oder „Wir hören auf“ haben die Ärzte meistens gesagt, wenn feststand, dass der Mensch nicht mehr zu retten ist. Die jüngeren Ärzte schüttelten meist nur den Kopf in Richtung der Angehörigen. Die erfahrenen Notärzte suchten eine ruhige Ecke. Um alles noch einmal zu erklären. Manchmal um zu umarmen. Auch wenn der Verlust zu groß war, um getröstet werden zu können.

Wir haben im Auto zu fachsimpeln begonnen. Warum nichts mehr zu machen war. Wie Fußballer, die mit leerem Blick vom Platz gehen, nachdem sie eine Klatsche bekommen haben. Den Tod hielten wir für das Sackgesicht schlechthin. Der selbst vor Kindern nicht haltmacht. In meiner damaligen Vorstellung fuhr ihm aber der Schreck in seine fiese Visage, wenn unser rotes Auto um die Ecke bog. Wir waren 20 Jahre alt oder 24. Selbstverständlich unsterblich. Wie dieses Bewusstsein zustande kam, kann ich heute so wenig nachvollziehen, wie sich eine zwei Jahrzehnte alte Verliebtheit heraufbeschwören lässt. Auch die Vorstellung, wir hätten gegen den Tod Champions League gespielt, erscheint mir heute weit entfernt. Allerdings gönne ich ihm noch immer nichts.

Mir hat es nicht gefallen, als vor allem Männer in meiner Umgebung, nach den Freitoden von Gunther Sachs oder Udo Reiter merkwürdig triumphal auftraten. So sei es doch genau richtig. Wenn todkrank, dann Kugel in den Kopf. Ganz einfach. Damit wir uns nicht missverstehen: Die persönliche Entscheidung der beiden Männer habe ich überhaupt nicht zu würdigen. Wobei ich nach einer ausführlichen Begegnung sicher bin, dass auch ein schwächer werdender Udo Reiter immer noch ein starker Typ gewesen wäre.

Die Vorstellung, von der Hilfe anderer abhängig zu werden, ist selbstverständlich unangenehm. Mittlerweile habe ich aber viele Menschen getroffen, die nicht den Eindruck machten, als würden ihnen Hilfsbedürftige und Todkranke vor allem zur Last fallen. Ehrenamtliche Sterbebegleiter. Oder die Palliativmedizinerin Dr. Petra Anwar. Die niemandem verspricht, mit ihrer Hilfe könne man sich auf die allerletzte Phase des Lebens freuen. Aber kraftvoll versichert, dass sie ein besseres Angebot hat, als nur Gift zu nehmen.

In meiner Zeit als Unsterblicher in der roten Rettungs-Supermann-Jacke fuhren wir eine Frau nach Hause. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun. Es war ihr Wunsch, in ihrem eigenen Bett zu sterben. Wir trugen sie in ihr Zimmer. Ihr Mann sah so erschöpft aus, als könnte er jeden Moment umfallen. Gleichzeitig achtete er sorgfältig darauf, dass wir seine Frau so sanft wie möglich trugen. Nicht irgendwo anstoßen und ihr einen weiteren Schmerz zufügen. Im Blick des Mannes war zu lesen, dass er keine Minute freiwillig hergeben würde, die er noch mit seiner Frau verbringen durfte. Ich habe diesen Blick noch nach 26 Jahren in Erinnerung. Und kann mir auch deswegen so schwer vorstellen, dass sich vor allem mit Sterbehilfe die Liebe zum Leidenden ausdrücken lässt.

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