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Lieber Herr Thadeusz!

  • VonJörg Thadeusz
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Wie wichtig sind Ihnen Missgeschicke?

Wir Kinderlosen beneiden Eltern manchmal. Ist zweifelsohne toll, wenn der süße Fratz auf den Nachbarn zuläuft und laut „Papa“ ruft. Wir wissen allerdings auch, dass das Kind den Herrn Vater auch mit „mein Fahrer“ anreden könnte. Wir beneiden Eltern, wenn wir in der Supermarktschlange unseren ungerechten Frust nicht ablassen können. Es ist schlicht niemand da, an den wir uns mit dem Klassiker-Satzanfang richten könnten: „Ich hab’ dir doch schon tausendmal gesagt...“.

Für uns ist es also ein großes Glück, wenn ein taiwanesischer Zwölfjähriger mit seinem Getränkebecher in ein 1,3 Millionen teures Gemälde taumelt und ein daumendickes Loch in 350 Jahre alter Kunst hinterlässt. Dann bekommt der nämlich unsere Gardinenpredigt ab. „Sag’ mal, bist Du noch zu retten, Du Taiwantrampel? Warum hast Du überhaupt diesen Becher dabei? Müsst Ihr immer an irgendwas saugen oder mampfen? Was war denn in diesem Becher? Bestimmt irgendeine süße Pampe mit Streusel obendrauf. Wieso fällst Du damit, völlig unbedrängt, über Deine unegalen Füße? Wie willst Du jemals ein nettes Mädchen kennenlernen? Glaubst Du, in die kann man einfach mit einem Getränkebecher in der Hand reinfallen und der Rest ergibt sich dann?“ Spätestens an dieser Stelle muss ich mir selbst Einhalt gebieten. Denn ich war schon persönlich zugegen, wenn auf diesem Weg Ehen angebahnt wurden. Zwei Menschen fielen ineinander, weil es nicht der erste Getränkebecher war, den sie zu diesem Zeitpunkt in der Hand hielten.

Mit dem ersten Riss verliert dann gleich meine gesamte Ermahnung ihren Halt. Ganz ehrlich: Hätte jemand vor diesem Zwischenfall „Porpora“ ins Gespräch gebracht, wäre von mir womöglich erwidert worden, dass ich meine Nudeln lieber ohne Meeresfrüchte esse. Der Barockmaler Paolo Porpora stand mir bis dahin inhaltlich ungefähr so nahe wie dem asiatischen Dussel.

Auch wenn ich es in der Auseinandersetzung mit dem Stolperkind weit von mir weisen würde: Ich war auch einmal zwölf. Damit nähern wir uns dem Kern. Meine Empörung ist vor allem Entsetzen. Oh Gott, das hätte mir auch passieren können.

Auch bei mir sind zuerst die Füße riesengroß gewachsen. Womit viele Jungs für eine kleine Weile wirken wie die Opfer eines evolutionären Missgeschicks. Was dem Pinguin die Flügel, das sind dem männlichen Teenager die Füße. Mit dem Unterschied, dass die fluguntüchtigen Vögel nur sehr selten in Gemälde stürzen. Ich habe so fest an Fensterknäufen gezogen, dass die Scheiben des Ferienhauses aus dem Rahmen sprangen. So viel Öl in einen Automotor gefüllt, dass der Motor schwarze Rauchwolken blies. Die nur so lange lustig anzusehen waren, bis humorlose Verkehrspolizisten Fragen hatten. Kein Mensch weiß, wie ich das Ruderpaddel in der Mitte durchbrechen konnte.

Besser keine Schimpfe für den Jungen. Sondern lieber Trost von Tölpel zu Tölpel: Es ist nicht immer schön, groß, stark und sehr ungeschickt zu sein. Aber auch für uns gibt es einen passenden Ort. Ich durfte einmal auf einem niedersächsischen Bauernhof ausgewachsene Ziegen auf einen Melkstand schubsen. Es ist überhaupt nichts kaputt gegangen und die Tiere gaben einen ganzen Getränkebecher Milch.

Jörg Thadeusz ist RBB-Moderator.

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