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Jörg Thadeusz.
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Jörg Thadeusz.

Kolumne

Lieber Herr Thadeusz!

  • VonJörg Thadeusz
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Darf man sich in Zeiten wie diesen einfach so ins Flüchtige flüchten?

Mir ist erst hinterher aufgefallen, dass mit mir etwas nicht stimmt. Nachdem ich es schon getan hatte. Es war ein großer Wäschekorb, und es würde etwas dauern. Also guckte ich „Shopping Queen“, während ich die Wäsche aufhängte. Sah den sympathischen Guido Maria Kretschmer und beneidete ihn leise. Hättest Du etwas Anständiges gelernt statt ein Laberfach zu studieren, könntest Du auch so groß rausgekommen sein, wie er. Sprach ich ermahnend zu mir. Ohne, dass die innere Seelenwippe tatsächlich aus ihrem friedlichen Auf und Ab geriet.

Es war ein schöner Moment an einem angenehm unaufgeregten Tag. Eine „Shopping Queen“-Kandidatin weinte, weil etwas mit der Frisur nicht klappte. Von diesem Jammer wurde sie aber von anderen Leuten in der Sendung mit einem Hinweis auf ihren sehr, sehr schönen Rucksack erlöst. Bis sich dieses Happy End einstellte, dauerte es keine drei Sendeminuten. Während zudem noch meine Kapuzenpullover und Trainingshosen auf dem Wäscheständer Haltung annahmen.

Großes Streicherensemble her, bitte. Denn ich besiegte ihn soeben, den inneren Schweinehund. Der hindert mich nämlich nicht am Sport. Sondern daran, die Waschmaschine zu leeren, wenn es an der Zeit ist. Was nicht weiter schlimm wäre. Wenn es nicht den anderen Teil der Menschheit gäbe, der aus Kleidung aufsteigenden Moder-Geruch rigoros ablehnt. Hinweise darauf, die Menschen hätten in früheren Zeiten viel schlimmer gerochen, nützen in diesem Zusammenhang gar nichts. Probieren Sie es gar nicht erst aus.

Wäsche, die sich ins Duftige entwickeln würde und Fernsehen, das nicht zu sehr forderte: eigentlich eine gute Situation. Aber ich dürfte mich nicht wirklich evangelisch nennen, wenn mich nicht auch in diesem Moment noch ein schlechtes Gewissen erwischt hätte. Keine Sekunde hatte ich an das Beseitigen von Fluchtursachen gedacht. Das Flüchtlingsthema war sogar ganz abwesend. Während ich die elektrischen Reize in meinem Hirn für die nichtswürdige Frage arbeiten ließ, was am Rucksack dieser Kandidatin schön sein soll. Statt mir erneut zu sagen, wie sehr auch mein Wäscheständer und ich im Fadenkreuz des Terrors stehen, freute ich mich über den Guido aus Einen bei Warendorf. Statt eine Frage an mich selbst mit der eindrucksvollsten Wendung zu beginnen, die die Verkrampftheit je hervorgebracht hat: Darf man sich in Zeiten wie diesen einfach so ins Flüchtige flüchten?

Wenn es nach dem Kolumnistenkollegen geht, lautet die Antwort: Man darf nicht. Er pharisäerte mir vor, warum nur der als Gerechter gelten kann, der um alle Terroropfer trauert. Sich Franzosen näher zu fühlen, nur weil sie häufiger besuchte, ist unmoralisch. Damit war mir allerdings auch klar, dass ich nicht der Einzige bin, bei dem etwas nicht stimmt.

Deswegen ein Appell: Liebe Laubsauger, die Ihr beim Druckluftaufräumen auch noch Silbermond hört. Liebe Autopolierer, die Ihr nach dem Saubermachen an die Spielekonsole zu „Mittelerde: Mordors Schatten“ zurückkehren werdet. Liebe Bügler, die Ihr Euch höchstens fragt, wer den Halsdurchschneidern vom IS die Terrorturbane wäscht. Ihr macht alles richtig. Denn wenn es in Deutschland eine Leitkultur geben sollte, dann sind wir das.

Jörg Thadeusz ist Moderator.

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