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Lieber Herr Thadeusz!

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Von: Jörg Thadeusz

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Richtig leben. Aber eigentlich falsch. Das geht. Wer im Studium, oder mindestens bei der Lektüre des Abreißkalenders aufmerksam war, der weiß: Ich widerspreche hier Adorno. Sein berühmter Satz, weltanschaulich großkalibrig gemeint und vor allem auf den Faschismus bezogen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ – heute remastered by MC Jörgelchen. Unverschämt, wenn sich Samstagskolumnisten in die Champions-League-Plätze der deutschen Philosophie fantasieren. Trotzdem: Ich beharre.

Erst in den vergangenen Tagen traf ich bei Leseveranstaltungen in Südwestdeutschland vorwiegend Frauen, die es zwar schön haben, aber eben nicht das richtige Leben leben. Die Frauen hatten dieses Lächeln, für das das Breitbildformat 16:9 erfunden wurde. Damit sich davon möglichst viel sehen lässt. Wer sich im Jet Stream eines solches Lächelns wiederfindet, dem weht es die Gewissheiten um die Ohren. Camping ist plötzlich nicht mehr schrecklich, Cabrios sind sinnvolle Autos und Balkan-Reisen mit XXL-Besichtigungsprogramm erstrebenswert. Hauptsache, das Lächeln steht weiter hoch am Himmel.

Aber auch die Garderobe, die Frisuren und, in Champagner-Einheiten ausgedrückt, dieser Magnumflaschen-Charme: Der Frühling ist eine Frau, dachte ich. Und: Diese Damen gehören nach Hollywood. Wenn nicht Show-Geschäft, dann müsste ihnen ein Traum-Resort auf Hawaii anvertraut werden. Damit sie das leiten und noch genug Zeit für den eigenen Beach-Glamour haben.

Allerdings trafen wir uns in einer eher palmenarmen Gegend: im Stadtzentrum von Darmstadt. Katja, der auf der Champs-Élysées augenblicklich hinterhergepfiffen würde, verschwindet tagsüber in einem Frankfurter Bankenturm. Guter, seriöser Job. Gute Familie, ein feines Leben. Aber wer kann dort wirklich richtig sein? Bei Männern fällt nicht durch Eleganz auf, dass wir uns Größeres für uns vorstellen können. Wir lassen uns gehen oder fangen an zu spinnen. Oder beides. Doch, ich war kurz davor, mir ein JT auf die Trainingsjacke flocken zu lassen. Genau an die Stelle, wo bei BVB-Coach Thomas Tuchel eben TT steht. Glauben Sie bitte nicht, ich sei der einzige geborene Bundesliga-Trainer in meiner Umgebung. Ein Großteil meiner Bekannten hat die klassische Laufbahn hinter sich: vom verkannten Ballgenie auf die einzig wahre Trainerbank, nämlich das Fußballsofa.

Mein Mitgefühl haben allerdings die, die immer noch nicht darüber hinweg sind, dass aus der eigenen Schulband niemals Depeche Mode wurde. Achten Sie bitte bei Feiern eines 50. Geburtstags auf die Männer, die selbst zu später Stunde das Luftgitarre-Spiel nicht auf die leichte Schulter nehmen können. Das könnte ein Mann sein, der sich in ganz ehrlichen Momenten auch eingesteht, wie falsch er im Katasteramt ist.

Wenn ich mir ein größeres Auto leihe, cruise ich mit 53 Stundenkilometern durch die Gegend und höre, was der Rapper Notorious B.I.G. aus dem Duran-Duran-Titel „Notorious“ zusammengesampelt hat. Es geht um verschwenderisch viel Oralsex, Schießereien und Drogenhandel. Also letztlich um das Konzentrat meines sehr richtigen Lebens in einem Berliner Vorort.

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