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Das "Monument der Menschlichkeit" soll abgerissen werden - aus ästhetischen Gründen.

Kolumne zum Abriss eines Völkermord-Denkmals

Liebe türkische Nationalisten!

In der türkischen Stadt Kars soll ein Denkmal zerstört werden. Aus ästhetischen Gründen, weil es monströs hässlich sei. Es weckt Assoziationen an die Verfolgung der Armenier.

Von Mely Kiyak

In der türkischen Stadt Kars wollte der Künstler Mehmet Aksoy ein „Monument der Menschlichkeit“ bauen. Die etwas hilflos anmutende Darstellung zweier einander gegenüberstehender Statuen ist 30 Meter hoch. Man sieht sie von Armenien aus. Als der türkische Ministerpräsident der Stadt einen Besuch abstattete, befahl er, das Denkmal abzureißen. Er argumentierte nicht gegen Menschlichkeit, er argumentierte mit Ästhetik. Die Statuen seien monströs hässlich.

Frage: Kann ein Denkmal, das an monströse Verbrechen erinnern soll, hässlicher sein als die Tat selbst? Und ist es, politisch betrachtet, besonders ästhetisch, wenn man so argumentiert?

Die hunderttausendfache Vertreibung und Auslöschung der Armenier, deren Todesrouten im Zickzack quer durch die Türkei verliefen, liegt länger zurück als der Holocaust. Während in Deutschland Historiker unaufhörlich über Verstrickungen aller Institutionen, der Armee und des Volks im Zweiten Weltkrieg forschen, hat ein türkischer Ministerpräsident Angst vor einem Haufen Steine? Steine, die weder Schuld eingestehen, noch explizit Verbrechen an Armeniern benennen? Wie armselig.

Was genau schmerzt eigentlich an diesen Aussagen? Armenier wurden in der Türkei vernichtet. Die Regierung und die Menschen jener Zeit, die sich an den Verbrechen beteiligten, haben Schuld auf sich geladen.

Wie soll man seinen Staat ernst nehmen, wenn er nicht den nötigen Respekt für den Kummer und Schmerz seiner Staatsbürger aufbringt? Wenn er die Massen gegeneinander aufwiegelt?

Das gilt nicht nur für Armenier. Es gibt viele Volksgruppen in der Türkei, zum Beispiel 30 Millionen Aleviten, die ertragen, dass staatlich geduldete Repressalien oder organisierte Verbrechen an ihnen geleugnet werden. Sie alle wünschen sich, dass ein Regierungsvertreter im Parlament oder ein Richter im Gerichtssaal sagt: Hier ist Unrecht geschehen.

Es gibt dreieinhalb Millionen türkeistämmige Deutsche, unter ihnen Armenier, Juden, Aleviten, Jesiden, ehemals syrische Christen, Griechen, Kurden. Ein Teil dieser Familien ist mit Erinnerungen an Vertreibung und Verfolgung im Gepäck emigriert. Ein anderer Teil hat seine Verachtung auf diese Gruppen importiert. Doch die türkeistämmigen Bürger Deutschlands können nicht gemeinsam an einem Tisch sitzen und über die in der Türkei begangenen Verbrechen an Minderheiten reden, ohne sich verletzend und chauvinistisch zu gebärden. Manche aus der neuen Generation lassen sich den verkorksten Umgang mit Geschichte samt nationalistischem Mist aufhalsen und vergiften die Teerunde, statt einander ein offenes Ohr, ein warmes Herz und einen nüchternen Verstand zu leihen!

Aber Geschichte ist zynisch. Nun gibt es auch unter Deutschen Nationalismus. Der deutsche Nationalist unterscheidet nicht nach Sunnit, Alevit oder Armenier. Er sagt: Ihr seid allesamt Muslime, auch wenn ihr deutsche Pässe habt, ihr seid hohl und hässlich, und eure Gene sind verdorben.

Da möchte man doch so manchem türkischen Nationalisten, der die Fahne seiner Vorfahren schwenkt und für sie zu sterben bereit ist, zurufen: Na, mein Freund, wie fühlt es sich an? Merkst du, wie anstrengend es ist, sich für sein Dasein zu rechtfertigen? Ganz schöne Zwickmühle, was?

Ihre Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin. Sie unterstützt auch die Reihe 2015 Zeichen setzenim Rahmen der Unicef-Kampagne "Schulen für Afrika".

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