Kolumne

Liebe Royalty!

Hochzeit hat sowieso jeder geguckt. Aber wo wir schon in London sind: Was macht eigentlich Friedbert Pflüger?

Von Mely Kiyak

Ursprünglich war zwischen dem Chef und mir Folgendes vereinbart. Zitat aus der Notiz von der Würstelpappe – wir standen gerade an einer Bude: „Kolumnistentätigkeit/ab sofort, immer samstags/bevorzugte Themenschwerpunkte: Frauen, Tiere und FDP.“ Wir unterschrieben die Vereinbarung mit einem Fingerabdruck. Als Stempelfarbe benutzten wir Ketchup. Ich schrieb dann über dieses und jenes. Mir fehlt die Geduld für Expertentum.

Diese Woche klopfte ich an die Tür des Chefs. Ich weiß nicht, ob es sich in der Leserschaft herumgesprochen hat, aber wenn der Chef anwesend ist, hängen die Kollegen eine Zeitschrift auf halbmast. Meistens, nicht immer, ist es eine aktuelle Ausgabe von Reiki (Magazin über Heilung und spirituelles Leben). Man merkt die Anwesenheit des Chefs aber auch daran, dass die Fahrstühle abgestellt sind. Angeblich wegen Fukushima, Atomkraft und Strom sparen und so. Wenn ich jetzt noch erzähle, dass der Chef mit einer Sänfte getragen wird, glaubt es mir eh keiner. Fragt mal die Sportredaktion. Die wechseln sich wöchentlich beim Sänftendienst mit den Kollegen aus der Kultur ab.

Ich trat ein und legte wie immer als Erstes meine Geschenke auf den Schreibtisch. „Bitte schön Boss, eine Duftkerze und eine schöne Kachel, die kann man als Untersetzer für heiße Teekannen benutzen.“ Mein Chef tat wie immer so, als bemerke er mich nicht. Ich hockte mich auf eines der dicken Kissen, die um den Schreibtisch verstreut liegen. Ich sagte: „Am Freitag richtet die englische Monarchie eine Hochzeit aus. Ich möchte nach London und mit Friedbert Pflüger die Vermählung verfolgen. Ich habe auch schon den ersten Satz: Selbst die Themse strahlt am heutigen Tag besonders blau.“ Der Chef schüttelte den Kopf. Ich sagte: „Ist es der Fahrtkosten wegen? Sie kennen doch Prinz und Kunz. Irgendwer von denen fährt bestimmt nach London, da kann ich doch mit.“ Der Chef machte eine Kinnbewegung Richtung Tür. Ich sagte: „Chef, ich denke, das wird ein Knaller. Der Leser hat ein Recht auf Friedbert Pflügers Ansichten zur Monarchie. Wir müssen quer denken. Mehr fragen. Was meint Tim Mälzer zum Länderfinanzausgleich? Hat Wolf Biermann Angst vor dem Atomausstieg? Die Farbe Violett erlebt ein Comeback, was nun Herr Wallraff?“

Ich ging. Vorher aber noch: „Machen Sie mir ausnahmsweise den Fahrstuhl an?“ Er ließ mich laufen.

Friedbert Pflüger arbeitet in London. Er ist eine Art Erdgas-Lobbyist mit Mandat und Professur, und Direktor ist er auch. So richtig habe ich es nicht verstanden. Man weiß so wenig über ihn. Früher hing er wirklich in jeder Talkshow herum. So ist das immer. Man gewöhnt sich an die Leute, gewinnt sie lieb und dann verschwinden sie. Hubertus Heil. Wo ist er? Günter Grass. Ewig nichts mehr von Grass gehört. Elke Heidenreich. Stefan Aust, mein Gott, Stefan Aust, reitet er noch? Und erinnert sich noch jemand an Sigrid Löffler?

Ich muss dringend meine Vereinbarung mit dem Chef auf der Pappe um Royalty/People/Verschollene erweitern. Dafür können wir die FDP streichen, die gehört ja bald zu letzterer Kategorie. Das wäre es jedenfalls gewesen! Mit Friedbert Pflüger in London Hochzeit gucken und im Minutentakt Pflügers Kommentare an die Zeitung twittern: „Traum aus Seide. Hoffentlich stolpert sie nicht.“ Aber nein, aber nein, …

Ihre Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.

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