Die Welt ist bunt und so soll auch die Sprache sein, mit der wir sie beschreiben.
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Die Welt ist bunt und so soll auch die Sprache sein, mit der wir sie beschreiben.

EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser,

  • Karin Dalka
    vonKarin Dalka
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Die FR wird in ihren Texten die Vielfalt der Gesellschaft noch genauer abbilden.

Sie haben es uns nicht leicht gemacht. Wir haben gefragt: „Wie gendern?“ und den inklusiven Doppelpunkt zur Diskussion gestellt. Sie haben zahlreich geantwortet – und bei der Lektüre der Zuschriften zeigt sich: Das Meinungsbild ist heterogen. Der eine favorisiert das Gendersternchen, die andere das Binnen-I. Der nächste wirbt für den Doppelpunkt, die übernächste für ausschließlich feminine Formen. Und das alles mit vielen klugen Argumenten für persönlichen Favoriten.

Was allerdings alle eint, die sich an der Debatte beteiligt haben, ist das gemeinsame Ziel: endlich mehr Geschlechtergerechtigkeit. Das schließt diejenigen ein, die zweifeln, ob eine gendersensible Sprache tatsächlich dazu beiträgt. Und es gilt auch für die Leser, die den Mangel an Gleichberechtigung für einen Skandal halten und zugleich um ihre „vertraute“ Rundschau bangen, denn ihnen graut vor „hässlichen“, „verhunzten“ Texten. Die männliche Form (Leser) ist hier bewusst gewählt, denn die Mehrheit derer, die sich so äußern, sind Männer.

Auf der anderen Seite bestätigen uns die Zuschriften, dass sehr vielen Menschen das exklusive, Frauen (und Minderheiten) ausgrenzende Sprechen und Schreiben mittlerweile gänzlich unvertraut, ja fremd geworden ist. Und dass sie sich darüber ärgern. Weil, und das stellen Sie zu Recht fest, die männliche Dominanz in der Sprache patriarchalische Machtverhältnisse nicht nur abbildet, sondern auch zementiert.

Frauen als Akteurinnen sichtbar machen, stereotype Rollenbilder hinterfragen, aus vielen Perspektiven, auch der weiblichen, berichten und kommentieren: Mit dieser Haltung machen wir Zeitung. Und das soll sich auch in der Sprache zeigen – konsequenter als bisher. Nach der Lektüre der Zuschriften wissen wir: Bei diesem Schritt hat die Redaktion die Leserinnen an ihrer Seite. Eine klare Mehrheit äußert sich positiv, viele sind „hocherfreut“ oder sogar „begeistert“ von der öffentlich geführten Debatte. Denn sie fühlen sich in ihrer Wahrnehmung bestätigt: Die traditionelle Sprache, vor allem das immer noch verbreitete generische Maskulinum, das angeblich alle Geschlechter umfasst, meint sie nicht mit. Es grenzt sie aus. „Kaum ein Mann kann dies nachempfinden“, schreibt eine Leserin in ihrem Brief an die Redaktion. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich über Ihr Vorhaben freue, die Frankfurter Rundschau in gendergerechter Sprache zu lesen.“

Wir haben uns entschieden: Das generische Maskulinum wird in der FR kein Standard mehr sein. Es lässt sich leicht ersetzen: durch geschlechtsneutrale Begriffe oder Partizipialformen. Sehr oft, aber nicht immer. Deshalb werden wir auch den Doppelpunkt nutzen (der das dritte Geschlecht mit umfasst). Nicht inflationär, denn wir nehmen die Sorge um die Lesbarkeit von Texten ernst. Aber genau diese Sorge spricht für den Doppelpunkt – mehr als für andere Sonderzeichen: Er schmiegt sich unauffällig ins Schriftbild ein. „Verschonen Sie uns mit Satzungetümen“, haben uns etliche Leser:innen gebeten. Ja, sehr gerne. Auch da hilft der Doppelpunkt: Mit ihm lassen sich bei Aufzählungen schier unendliche Beidnennungen vermeiden, die Ihnen die Lust am Lesen und uns die Lust am Schreiben vergällen.

Was zeigt: Gendergerechte Sprache kann dezent und elegant sein. Denn auch wenn wir uns wünschen, wir könnten mit neuen sprachlichen Mitteln alte Denkmuster aufbrechen: Wir dürfen Sprache nicht wie eine Brechstange einsetzen. Geschlechtersensibilität ist auch eine Form der Behutsamkeit.

Wir haben es uns nicht leicht gemacht mit der Entscheidung, wie wir künftig schreiben. Deshalb hat die Redaktion den Dialog mit Ihnen gesucht. Herzlichen Dank, dass Sie sich so rege beteiligt und haben. Das macht uns auch ein bisschen stolz – auf die vielen engagierten, informierten Leser:innen, die der FR teils seit Jahrzehnten die Treue halten und dabei offen für Veränderungen sind. Lassen Sie uns gemeinsam neue Wege ausprobieren!

Ihre Karin Dalka,

stellvertretende Chefredakteurin

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