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Helena Marschall.
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Helena Marschall.

Klimabrief

Liebe Frau im roten Oberteil!

  • vonHelena Marschall
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Hier schreiben alle zwei Wochen Aktivistinnen und Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung.

wir haben uns vor etwa einem Jahr auf einer Veranstaltung gesehen. Ich habe 45 Minuten über die Klimakrise gesprochen; darüber, was mich dazu bewegt, auf die Straße zu gehen und darüber, wie viel es noch zu retten gäbe. Sie wollten wissen, ob ich mich vegan ernähre. Ich war für einen Moment fassungslos: Ich hatte über das Ausmaß der Klimakrise gesprochen und Sie hatten eine Frage zu meiner Ernährung.

In zwei Jahren Klimaaktivismus war das nicht das erste mal, dass ich zu meinem Konsumverhalten gefragt wurde. Überraschend ist das nicht: Jahrzehnte lang wurden wir zugetextet mit „10 Tipps, um klimafreundlicher zu leben“ oder „Wie kannst du deinen CO2 Fußabdruck reduzieren?“. Wir haben gelernt, dass wir den Klimawandel stoppen können, wenn wir ein bisschen recyceln, öfter das Licht ausschalten und hin und wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Das hat nicht geklappt. Der CO2-Wert steigt immer weiter.

Vielleicht machen nur nicht genug Leute mit? Nein, bei bei der Individualisierung der Krise handelt es sich um einen Ablenkungsversuch. Wenn wir die Verantwortung an das Kollektiv abgeben, sind alle Schuld und niemand so richtig. Wenn wir schrittweise Veränderung als die Lösung aller Probleme proklamieren, muss niemand drastische Handlungsschritte unternehmen – vor allem nicht Konzerne und Regierungen.

Gleiches dachte sich John Brown, der CEO des Mineralölunternehmes BP, als er 2004 den ersten CO2-Fußabdruck-Rechner präsentiert und in einer Werbekampagne verpackt hat. Während sein Konzern jährlich rund 55 Millionen Tonnen CO2 durch die Förderung von Gas und Öl freisetzt, sind wir alle mit dem Optimieren und Berechnen unseres Verhaltens beschäftigt.

Während die Klimapolitik versagt, fragen Sie mich nach meiner Ernährung. Ich habe Ihre Frage nicht beantwortet. Es ist nur bedingt möglich, das eigene Verhalten zu ändern, wenn die Rahmenbedingungen gleich bleiben. Wenn es keinen kostengünstigen, verlässlichen ÖPNV gibt, kann ich kaum auf das Auto verzichten und wenn es in der Uni-Mensa kein veganes Gericht gibt, wird es schwer, die Ernährung umzustellen. Der Narrativ des einzelnen Konsumenten als Verursacher ist für eine Gesellschaft mitten in der Klimakrise brandgefährlich. Er lenkt nicht nur ab, sondern setzt zugleich eine schwer überwindbare Hürde bei der es erst möglich ist andere zu kritisieren, wenn man selbst seinen Konsum perfektioniert hat. Während Menschen jetzt schon ihre Lebensgrundlage aufgrund der Klimakrise verlieren und wir einen Hitzerekord nach dem anderen brechen, können wir es uns einfach nicht leisten, einen Moment länger die wahren Verursacher dieser Krise nicht in die Verantwortung zu nehmen.

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