Kolumne

Liebe Fernbeziehung!

Nähe und Distanz sind das Thema jeder Liebe. Sind die Probleme von Angela Merkel. Sind die Pole einer Kolumnistin. Von Mely Kiyak

Von Mely Kiyak

Die Grundproblematik jeder Beziehung dreht sich um Nähe und Distanz. Zu viel Nähe erdrückt. Zu viel Distanz entfremdet. Parteiinterne Querulanz gegen Angela Merkel, wie sie seit Jahren der Zappel-Roland, der Zappel-Günter oder der Zappel-Horst organisieren, sind bestens geeignete Fallbeispiele, um das Zappelphilipp-Syndrom zu studieren. Der ADHSler, wie diese Spezies auch genannt wird, ist freiheitsliebend und gleichzeitig klammernd. Merkel habe den Kontakt zur Basis verloren, wird gejammert, sie habe vergessen, was die Partei ausmache, tönt es herzzerreißend aus allen Bundesländern. Und das Allerschlimmste sei, dass sie kühl, unerreichbar und undurchschaubar ist.

Wie kann man dicht an den Menschen sein, aber unmanipulierbar bleiben? Als Frau kenne ich das Problem aus privater Perspektive. Erst heißt es: "Nur küssen. Bitte küssen Sie mich." Dann wird gefordert: "Bitte küssen Sie mich mit etwas Zunge." Und ehe man sich´s versieht, heißt es: "Das ist mein Philipp, der tut nichts, der will nur zappeln."

Als Kolumnistin geht es mir so: Schreibe ich zu volkstümlich, bin ich eine Populistin, eine Stammtischschreiberin, eine, die vom Volksmaul, dem versabbelten, spickt. Formuliere ich hingegen differenziert und ausgewogen, besteht die Gefahr, als abgehoben und erregungsgestört wahrgenommen zu werden.

Die Merkelmethode half mir dabei, drohende Nähe zu regulieren: Nicht da sein und aus der Ferne von was anderem reden.

So lebte und arbeitete ich in Berlin und schrieb für die Leser der Frankfurter Rundschau möglichst häufig aus unaktuellen Anlässen. 2008, mitten im hessischen Debakelwahljahr, beschäftigte ich mich Woche für Woche mit Berliner Akteuren wie Joschka Fischer, Friedbert Pflüger oder Thilo Sarrazin. Der Themenwechsel zur Vermeidung einer Position glückte nicht immer. Einmal schrieb mir ein Leser: "Sie erinnern mich daran, was wirklich wichtig ist." Ein anderer Leser aber fragte zu Recht: "Wo leben Sie eigentlich?"

Warum ich all das tat? Weil ich von der süßen Droge Leserzustimmung genascht hatte.

Apropos Leser: Während der FR-Leser in diesem Moment meine Kolumne mit seinem Brötchen vollkrümelt, krümelt der Berliner seit heute seine Schrippen auf die gleichen Sätze, allerdings in der Berliner Zeitung. Auf einen Schlag habe ich einen Chefredakteur, zwei Meinungsredakteure, 500 Telefonnummern, 5000 E-Mail-Adressen und Zehntausende neuer Leser dazugekriegt. Trotz erheblicher Mehrbelastungen habe ich mich widerstandslos vereinigen lassen. Jetzt muss noch die Medienmauer in meinem Kopf weg.

Frau Merkel forderte diese Woche ein "neues Denken" zur Überwindung der Krise. Das alte Denken soll weg, nicht nur recycelt werden. Schließlich hat sie kein "Überdenken" gefordert.

Ich bin jetzt bis nächsten Samstag beschäftigt. Ich muss mein altes Denken endlagern. Ich muss das Herz meiner neuen Leser gewinnen. Ich darf meine alten Leser nicht verlieren. Ich bin gerade die CDU unter den Kolumnisten. Ich darf mich jetzt nicht von den Zappeleien der Chefredakteure, Meinungsredakteure, Leser nervös machen lassen. Ich muss weitermerkeln.

Ich bin, das verspreche ich Ihnen, liebe Leser, die Kolumnistin aller Deutschen.

Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.

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