Leitartikel

Liberal, aber effizient

  • vonMatthias Koch
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Bei der Corona-App geht die Politik kooperativ vor. Sie erhebt sich nicht über die Menschen wie in China und macht ihnen auch nichts vor wie in den USA.

Tim Höttges, Chef der Deutschen Telekom, zeigte sich bei der Vorstellung der Corona-Warn-App regelrecht bewegt: „Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich eine so gute Partnerschaft zwischen Staat und Privatwirtschaft erlebt.“ Was ist das? Nur eine Werbedurchsage? Die übliche Schwärmerei eines Beteiligten zum Abschluss eines großen Projekts?

Höttges ist kein Anfänger. Beruflich überblickt er schon ein paar Jahrzehnte, persönlich hat er keinen Profilierungsbedarf. Deshalb spricht vieles dafür, seine Aussage einfach mal als authentisch einzuordnen und sacken zu lassen.

In Deutschland häufen sich gerade, mitten in der Pandemie, einige positive Zeichen. Noch immer wartet alle Welt auf einen Impfstoff. Um aber in der Übergangszeit den Erreger schon mal so gut es geht einzudämmen, gehen Land und Leute jetzt interessante neue Wege.

Am Anfang stand der nationale Lockdown. Es folgte eine zweite Phase, in der die Kanzlerin sehr viel Verantwortung wieder an Bundesländer und Landkreise zurückgab. Jetzt, mit der Corona-Warn-App, folgt Phase drei. Der Ball rollt noch ein Stück weiter, zurück zu uns allen. Jeder der 50 Millionen Mobiltelefonbesitzer in Deutschland kann jetzt einen kleinen Beitrag zum großen Ganzen leisten.

Natürlich kann die App keiner Infektion unmittelbar vorbeugen. Je mehr Menschen sie aber nutzen, umso klarer werden neue Infektionsketten sichtbar – die dann rasch unterbrochen werden können. Mittelbar ergibt sich dann eine sogar doppelte Wirkung: Die Reaktionen des Gesundheitssystems werden insgesamt beschleunigt und zugleich wird die Ausbreitung des Virus insgesamt verlangsamt.

In diesem Weg der Viruseindämmung liegt nicht nur etwas Technisches. Es kommt auch viel Ethik ins Spiel. Keiner hat es laut gesagt. Aber im Grunde hat Deutschland mit der Warn-App soeben auch eine eigene Antivirusphilosophie entwickelt: liberal, aber effizient.

Die App löst auf sympathische, fast wundersame Art Gegensätze auf. Sie setzt auf Eigenverantwortung des Einzelnen – und zielt doch in ihrer Gesamtwirkung auf die Allgemeinheit. Sie ist ein zentral angeschobenes großes Gemeinschaftsprojekt – und bleibt doch komplett dezentral in ihren datenschutzrechtlich sensiblen Funktionsweisen.

„Individuelle Vigilanz“, predigt der deutsche Virologe Alexander Kekule schon seit vielen Wochen, müsse zu einem zentralen Element werden im künftigen Leben mit dem Virus. Gemeint sind Wachsamkeit und Achtsamkeit jedes Einzelnen, in jeder einzelnen Situation. Die Warn-App hilft jetzt, aus dieser Theorie Praxis zu machen, Achtsamkeit im Alltag zu beweisen, nicht nur aus Sorge um sich selbst, sondern vor allem auch im Sinne von Fürsorge für alle.

Die Deutschen markieren mit diesem Herangehen auch im Weltmaßstab ihren ganz eigenen Weg. In China erlaubt sich eine Diktatur, kurzerhand jeden Einzelnen mal eben bis ins Letzte auszuforschen. In den USA und in Brasilien gaukeln unterdessen passive und wirklichkeitsferne Präsidenten trotz vielerorts gefährlich weiter steigender Infektionskurven den Menschen eine Normalität vor, die es nicht gibt.

In Deutschland dagegen macht der Staat den Bürgerinnen und Bürgern nichts vor, er erhebt sich auch nicht über sie. Regierung und Regierte finden derzeit zusammen in einem tastenden, kooperativen Modus. Das hebt zwar nicht die Stimmung, verhütet aber Enttäuschungen.

Mehr noch: Eine produktive neue Balance zwischen staatlicher und privater Verantwortung könnte Deutschlands Demokratie sogar auf Dauer widerstandsfähiger machen. Die Corona-Warn-App zeigt beinahe lehrbuchhaft, dass Simplifizierung und Polarisierung niemandem helfen.

Politiker, die sich gern breitbeinig als starke Führer aufstellen, müssen jetzt erkennen, dass sie ohne die Schwarmintelligenz einer umsichtigen Bevölkerung herzlich wenig erreichen. Umdenken müssen aber auch jene Normalbürger, die ihr Engagement in der Corona-Krise darauf beschränken, mit verkniffener Miene auf „die da oben“ zu schimpfen. Faktische Besserung wurde auf diese Art noch nie und nirgends bewirkt. 

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