+
In Großbritannien überprüfen "What Works Centres", welche öffentlichen Investitionen sich tatsächlich rechnen.

Vernetzung von Politik und Wissenschaft

Lernen von den Briten

  • schließen

In Großbritannien prüfen "What Works Centres", welche öffentliche Investition funktioniert. Zum Beispiel im Schulsystem. Das ist eine gute Idee. Der Gastbeitrag.

Die meisten, die derzeit nach Großbritannien schauen, denken nicht unbedingt: „Das sollten wir auch machen!“ Zu sehr dominieren der Brexit und zuvor die Finanzkrise die öffentliche Debatte. Dabei tut sich dort Bemerkenswertes in der Vernetzung von Politik und Wissenschaft.

Vor drei Jahren rief der damalige britische Premierminister David Cameron die „What Works Centres“ ins Leben. Die grundsätzliche Idee war nicht neu: Politikerinnen, Politiker und öffentliche Institutionen entscheiden täglich über den Einsatz begrenzter öffentlicher Mittel, oft jedoch ohne Zugang zu der besten Evidenz über die Wirksamkeit verschiedener möglicher Maßnahmen.

Klar definierte Ziele dienen als Bewertungs-Standard

Hier setzen die politisch unabhängigen „What Works Centres“ an. Erstens wird die beste verfügbare nationale und internationale Evidenz zur Effektivität und Umsetzung verschiedener Maßnahmen gesammelt und aufbereitet.

Zweitens werden verschiedene tatsächlich im Land umgesetzte Maßnahmen in Hinblick auf klar definierte Ziele bewertet. Ein auf Deutschland bezogenes Beispiel hierfür wäre die Frage, ob ein mehrgliedriges Schulsystem der Lernleistung sowie der sozialen Mobilität zu- oder abträglich ist.

In Deutschland werden diese Aufgaben natürlich teilweise von Institutionen wie dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ausgefüllt. Die „What Works Centres“ gehen aber einen entscheidenden Schritt weiter. Allzu oft ist es nicht möglich, wichtige Fragen mit an Sicherheit grenzender Gewissheit zu beantworten. In diesem Fall werden die „What Works Centres“ aktiv und finanzieren einzelne Maßnahmen selbst. So hat beispielsweise das „What Works Centre“ für die schulische Bildung, die Education Endownment Foundation (EEF), bisher 127 unterschiedliche Evaluationen in über 7000 Schulen finanziert, die von unabhängigen nationalen und internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bewertet werden – meist in Form von Experimenten.

Was tun, wenn sich Maßnahmen sogar als schädlich erweisen?

Der experimentelle Ansatz ist der Gold-Standard der quantitativen Politikevaluation. Ein Beispiel: Nur wenn eine Maßnahme an zufällig ausgewählten Schulen durchgeführt wurde, sind spätere Unterschiede in Lernerfolgen kausal auf die jeweilige Maßnahme zurückzuführen. Wurden Schulen nicht zufällig gewählt, bleibt letztlich immer unklar, ob spätere Unterschiede zwischen Kindern in Schulen mit und ohne entsprechende Maßnahme auch so entstanden wären, weil sie auf ganz andere Einflüsse zurückgehen.

Viele stehen solchen Experimenten erstmal negativ gegenüber, insbesondere im Schulwesen. Ist es fair, wenn an zufällig ausgewählten Schulen beispielsweise bestimmte Fortbildungsmaßnahmen für Lehrerinnen und Lehrer angeboten und durchgeführt werden und an anderen Schulen nicht? Falls eine Maßnahme erfolgreich war, wie können wir dies vor den Beteiligten an den nicht gewählten Schulen vertreten? Was tun, wenn sich die Maßnahme sogar als schädlich erweist?

Bemerkenswert ist das Bemühen um unabhängige Ergebnisse

In England hat man sich entschieden, diesen Weg trotzdem zu gehen. Denn letztlich ist jede Reform, ganz gleich ob beim Lehrplan, der Schulstruktur oder bei der Fort- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern, ein Experiment an den Schülerinnen und Schülern. Umso wichtiger ist es, die Auswirkungen einer Reform frühzeitig herausfinden zu können, auch wenn dies bedeutet, dass zunächst nur eine zufällig ausgewählte Gruppe betroffen ist – im Negativen wie im Positiven. Die Alternative wäre, eine Maßnahme oder Reform allen überzustülpen, ohne zu wissen, ob sie wie gewünscht wirkt oder eben nicht. Daher unterstützen die allermeisten Schulen in England diesen Ansatz.

Bemerkenswert ist neben dem experimentellen Ansatz das Bemühen um unabhängige Ergebnisse. Zunächst sind die „What Works Centres“ selbst nicht fester Bestandteil der Ministerien, sondern staatlich finanzierte Mittlerorganisationen (sogenannte Quangos). Um die Unabhängigkeit der Evaluationen zu garantieren, werden diese dann von nationalen und internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durchgeführt und nicht von den „What Works Centres“ selbst.

Das größt „Centre“ widmet sich der schulischen Bildung

Im Ergebnis produziert das EEF eine Übersicht (das „education toolkit“), in dem Maßnahmen in Hinblick auf verschiedene Ziele bewertet werden. Nicht jede Maßnahme kann direkt auf alle Schulen übertragen werden. Die Schuldirektionen können dann entsprechend für ihre Schule geeignete und vielversprechende Maßnahmen aufgreifen und sich bei der Implementierung unterstützen lassen.

Umsonst passiert all dies natürlich nicht. Insgesamt gibt es in Großbritannien sieben „What Works Centres“. Das größte (und teuerste) für die schulische Bildung hat bisher 125 Millionen Pfund investiert. Bewertet werden jedoch Maßnahmen in Bereichen, die in Großbritannien 200 Milliarden Pfund öffentlicher Mittel verschlingen. Im Vergleich dazu sind die Evaluationskosten Peanuts.

Zielvorgaben definieren die „What Works Centres“ nicht. Dies bleibt Aufgabe der Gesellschaft und der Politik. Wenn aber Einigkeit über die Ziele herrscht, sollten auch in Deutschland mehr gemeinsame Anstrengungen unternommen werden, um wirklich herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Die „What Works Centres“ in Großbritannien sind tatsächlich mal ein Beispiel, wie man von Großbritannien lernen kann.

Felix Weinhardt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Er hat zehn Jahre in England gelebt und geforscht und ist an der Evaluierung einer Fortbildungsmaßnahme für Lehrerinnen und Lehrer an 182 englischen Grundschulen beteiligt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare