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Saul Friedländer im Bundestag

Leitartikel

Kein anderer Weg

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Jeder muss sich dafür einsetzen, dass sich nichts von dem wiederholt, worunter so viele litten.

Wenn Menschen wie der 86-jährige Historiker Saul Friedländer von den Zeiten des Holocaust erzählen, rücken die grausamen Taten und Jahre des Nationalsozialismus in die Gegenwart. Als Kind überlebte Friedländer im französischen Exil, seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Doch die Gedenkstunde an die Befreiung des Konzentrationslagers vor 74 Jahren ist – wie viele Gedenkveranstaltungen dieser Zeit – längst kein Ereignis der Vergangenheitsaufarbeitung mehr. Das Gedenken des Jahres 2019 ist einer unmittelbaren und drückenden Auseinandersetzung mit der Gegenwart gewichen.

Wir sind in diesem Jahr im doppelten Sinn Zeugen der Geschichte. Da sind auf der einen Seite bewegende Momente der Erinnerung, wie sie von Saul Friedländer im Deutschen Bundestag vermittelt wurden. Erfahrungen aus erster Hand aus einer Zeit, welche die Deutschen geprägt hat wie keine andere, und zu der zugleich der überwältigende Teil der Bevölkerung nur einen indirekten Bezug hat. Und da ist parallel das für viele mulmige Gefühl, in der Gegenwart wieder in einer Zeit grundlegender politischer Veränderungen zu leben.

Es ist eine Erkenntnis, die eine Menge Verantwortung auf uns, die Generation der Gegenwart, legt. Denn wenn die Erkenntnis ist, dass wir in Zeiten der Veränderung, vielleicht des Umsturzes leben, dann sind wir es, die den Weg in die Zukunft zu verantworten haben. Dann sind wir es, die diesen Weg gestalten müssen. Und wenn wir es nicht tun, gestalten wir den Weg durch Ignoranz mit.

Friedländer mahnte in seiner Rede vor dem Bundestag vor dem Aufkommen des Nationalismus. Antisemitismus sei eben nur eine der Geißeln, von denen jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen wird, mahnte er. Und tatsächlich gibt es in Deutschland und in anderen westlichen Ländern bisher keinen Weg, mit den neuen Gefahren umzugehen.

Es ist bedrückend zu sehen, wie die einst scharfe Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Tabu verschwimmt. Etliche Äußerungen einer im Bundestag vertretenen Partei relativieren die Schuld des Nationalsozialismus, stellen das Gedenken infrage oder die Symbole, die nicht ohne Grund dafür auch in der Mitte Berlins geschaffen worden sind.

Doch die Gefahr liegt eben nicht in der Partei selbst, sie liegen in dem Umgang mit ihr, in der Lust mancher daran, die Grenzen verschwimmen zu lassen. Gerade in dieser Woche hat der Publizist Henryk M. Broder vor der AfD-Fraktion gesprochen, er hat sich umarmen und fotografieren lassen mit der Fraktionschefin Alice Weidel. Es ist ein schreckliches, anbiederndes Bild geworden, und daran ändert auch die butterweiche Entschuldigung Broders im Nachhinein nichts.

Die neue Rechte ist so gefährlich, weil sie eben nicht mit Glatze und Springerstiefel marschiert, sondern subtil daherkommt. Sie ist gut gekleidet und belesen und sie beherrscht die Kunst der Zerstreuung. Dazu gehört, dass es die „Juden in der AfD“ gibt und sich Teile der Partei selbst offen zeigen für eine ähnliche Interessenvertretung der Muslime, auch wenn die Ablehnung des Islam ein Teil des Markenkerns der Partei geworden ist. Und zur Zerstreuung gehört eben auch, dass einem wie Broder die Bühne angeboten wird, dass der sie auch noch annimmt und so selbst zum Feigenblatt geworden ist, vor dem er einst selbst gewarnt hat.

Gegen die neuen Bewegungen müsste es eigentlich ein Bollwerk der Anständigkeit geben. Und die gibt es ja auch. Die allergrößte Mehrheit der Deutschen haben mit rechtem Gedankengut nichts am Hut, sie haben aus der Geschichte gelernt. Doch der Diskurs in den Zeiten neuer Medien hat seine eigenen Regeln. Jeder diskutiert mit, beziehungsweise: jeder, der will. Es führt in fast jeder politischen Lage zu einer Kakophonie der Meinungen, angetrieben von einigen publizistischen Spielern, die Freude daran haben, Katalysatoren der Zerstreuung zu sein. Das Bollwerk gegen die neue rechte Gefahr nimmt damit Schaden.

Es ist eine schwierige Erkenntnis, aber sie darf nicht zu Resignation führen. Wenn Saul Friedländer uns die Gegenwart der Vergangenheit vor Augen führt, dann kann es für jeden einzelnen nur bedeuten, sich an der Gestaltung der Zukunft aktiv zu beteiligen. Für uns in Deutschland gibt es keinen anderen Weg.

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