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Osteopathen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.

Kolumne

Leichtes S im Rücken

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Früher hat angeblich ein Stock gegen Haltungsschäden geholfen, heute ein Osteopath. Aber was machen die eigentlich?

Bei einer Reihenuntersuchung in der Schule wies der Arzt meine Eltern darauf hin, dass ich etwas schief stehe: „Sie hat ein leichtes S im Rücken“, sagte er. Ich war sieben oder acht Jahre alt und verstand nicht genau, was der Arzt damit meinte. Mein Name beginnt mit S, hatte es etwas damit zu tun?

Der Arzt schien nicht beunruhigt, es folgten keine weiteren Anweisungen. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern erwogen, einen Spezialisten zu konsultieren, schließlich hatte ich keine Schmerzen. Osteopathen kannten wir nicht. Nur meine Oma sah ein Problem, sie empfahl mir, einen Stock quer über den Rücken unter die Arme zu klemmen und jeden Tag so zehn Minuten zu spazieren, was ich widerwillig machte. „Mit schiefem Rücken findest du keinen Mann“, warnte sie.

Neulich diagnostizierte der Kinderarzt bei meiner Tochter eine Fehlhaltung und gab mir eine Überweisung zum Osteopathen. Sie war zehn Wochen alt, lag die meiste Zeit in ihrem Bett, auf einer Decke. Sie lag dabei ein wenig schief, wie ein Croissant. Das war offenbar ein Problem.

Ich redete mit befreundeten Müttern, die auch Babys haben, und stellte fest, dass alle zum Osteopathen gehen. Nicht nur wegen Fehlhaltungen, sondern auch, wenn Kinder viel schreien. Osteopathen scheinen so eine Art Babyflüsterer zu sein.

Eine Freundin sagte, sie mache sich Sorgen, weil die Haltung ihres Sohnes sie an Claus Kleber erinnere, den sympathischen ZDF-Moderator, der aber den Kopf immer etwas sehr schief legt. So schlimm war es bei meiner Tochter nicht, aber sie war jetzt auch keine kerzengerade Marietta Slomka.

Ich machte einen Termin, schon um meine Tochter vor meinem krummen Rücken zu bewahren. Ich überlegte, wie ich meinen Eltern erklären sollte, was ein Osteopath genau macht. Die Erklärung, er löse mit „besonderen Handgriffen“ Verspannungen und Blockaden, klang etwas esoterisch, nach Zauberei.

Während die Effektivität der Methode bei der Behandlung von Rückenschmerzen bei Erwachsenen erwiesen ist, ist bei Säuglingen die Wirksamkeit offenbar nicht erwiesen. Die Behandlung kostet mindestens fünfzig Euro und wird nur von wenigen Kassen erstattet.

Ich trug das Baby trotzdem zum Osteopathen und fühlte mich, als ginge ich zum Schamanen. Der Schamane hatte blaue Augen wie der Schauspieler Terence Hill. Er umfasste die Hüfte meiner Tochter, dann fühlte er den Nacken und stellte an beiden Stellen Blockaden fest.

Bei dem Wort Blockaden denke ich sofort an Atommüll, Castor, nicht an mein kleines Croissant, das jeden Morgen mit einem breiten zahnlosen Lachen aufwacht, als gebe es nichts Schöneres, als am Leben zu sein. Ich starrte dem Mann fragend in seine eisblauen Augen, darauf gefasst, dass er einen lustigen Spruch macht.

Doch Terence Hill sagte ernst, die Blockaden könnten später Schwierigkeiten verursachen – in der Motorik, beim Schreibenlernen, bei der Konzentration. Er drehte den Kopf meiner Tochter sanft nach links, nach rechts. Er drehte die Hüfte nach links, nach rechts.

Dann war er fertig, schüttelte meine Hand und verließ das Zimmer. Das alles hatte nur wenige Sekunden gedauert. Ich war mir nicht sicher, ob ich das nicht geträumt hatte. Inzwischen sind sechs Wochen vergangen, das Kind liegt nur noch selten wie ein Croissant da. Offenbar haben Terence Hills Griffe funktioniert.

Sabine Rennefanz ist Autorin.

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