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Kanzlerin Merkel zieht sich zurück - mit Stil.

Angela Merkels Rückzug

Ein Lehrstück für Gartenzwerge

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Kanzlerin Merkels starker Abschied könnte ein Vorbild für Politikmänner sein, die sich gern größer machen als sie sind. Die Kolumne.

Nun geht Angela Merkel. Es wird mein erster Abschied von einer Bundeskanzlerin. Davor waren es nur Männer. Als Helmut Schmidt ging, übertrug das Fernsehen live und meine Mutter, Sozialdemokratin aus Überzeugung, hielt ein Taschentuch in der Hand. Sie wusste, dass es ein langer Abschied von der Macht werden würde. Eine Bundeskanzlerin zeichnete sich damals nicht ab. Frauen bekamen das Familienministerium oder die Entwicklungshilfe. Auch wenn in England schon Margret Thatcher regierte. Sie war die Ausnahme von der Regel.

Meine Lieblingssätze aus Merkels Ansprache von Montag sind: „Ich bin nicht als Bundeskanzlerin geboren“ und „Wir stehen alle in der Zeit“. Beide Sätze bezeugen eine Einsicht in den Lauf der Welt, die bei Politikern sonst selten zu finden ist. Horst Seehofer zum Beispiel dürfte bis heute glauben, Gott selbst habe ihm seine Ämter bei der Geburt geschenkt und nur Gott könne sie ihm auch nehmen. Vielleicht brennt ja bald ein Dornbusch in seinem Garten.

Es war sowieso eine sehr coole Ansprache, die Angela Merkel gehalten hat, extrapreußisch und superprotestantisch, ein Hauch von „Mitten im Leben / vom Tod umfangen“, kein Stück Selbstmitleid, nur ein paar Versprecher verrieten die Emotionen unter der Oberfläche. Neben ihr wirken viele Politiker oft wie Gartenzwerge, die zu viel Düngemittel geschluckt haben und jetzt auf Rumpelstilzchen sind. Da braucht man nur in ein paar Nachbarländer zu sehen, nach Polen, Ungarn oder neuerdings Italien, oder auch über den Atlantik.

Friedrich Merz ist ein Weichei

Andere Politikmänner haben sich durch Flucht vor der Verantwortung ausgezeichnet. Christian Lindner zum Beispiel. Vor einem Jahr hat er sich vor der Regierungsverantwortung gedrückt und sich damit sein eigenes Grab geschaufelt. Wähler trauen keinem Politiker, der die Macht ausschlägt, wenn sie ihm auf dem Tablett serviert wird. Von seiner Ruinen-Taktik – die große Koalition zerlegt sich selbst, wir sammeln die Trümmer auf – haben nur die Grünen profitiert und die AfD. Wer gibt schon Hasenfüßen seine Stimme?

Auch Friedrich Merz ist ein Weichei. Warum sollte man ihm die Führung einer Partei anvertrauen, vor deren aktueller Vorsitzender er Reißaus genommen hat, um sich danach mit Posten in der Wirtschaft abfinden zu lassen? Heute sitzt er dem Aufsichtsrat des deutschen Ablegers von BlackRock vor, einer US-Fondsgesellschaft mit Beteiligungen an Unternehmen wie Merck, Bayer, Deutsche Bank, SAP, Commerzbank, Lufthansa, Daimler oder ThyssenKrupp. Würde er in die Politik zurückkehren, wäre es nicht nur der Auftritt eines politischen Zombies, sondern auch die Rückkehr der alten neoliberalen Medizin: deregulieren, privatisieren, Steuern senken. All die Kunstgriffe, die zur Krise 2008 geführt haben, durch die BlackRock riesige Gewinne gemacht hat.

Wenn der Wirtschaftsflügel der CDU den Mann lobt, weil er immer auch die Interessen der Arbeitnehmer im Auge gehabt habe, sollte der DGB Rücklagen bilden für die nächsten Streiks.

Auf der anderen Seite wählen gerade überall die Armen die Vertreter der Reichen, obwohl die ihnen versprechen, sie noch ärmer zu machen. Mit Vernunft hat es nichts zu tun, sondern eher mit jener Eigenschaft, die Angela Merkel so vollständig fehlt: Hoffnung zu wecken, wo keine Hoffnung ist. Leidenschaften zu entzünden, statt auf die Zahlen zu achten.

Hier, zum Schluss, ist eine Zahl aus dem Angela-Merkel-Universum: Im wiedervereinigten Deutschland war die Arbeitslosigkeit noch nie so niedrig wie heute. Viel Glück in den nächsten drei Jahren, Frau Bundeskanzlerin!

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