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Lehren für die humanitäre Hilfe

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Von: Ole Hengelbrock

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Schulunterricht im Jemen
Unterricht in einem halb eingestürzten Schulgebäude in Al-Radmah im Jemen. © Mohammed Mohammed/dpa

Der Klimawandel im Zusammenspiel mit militärischen Krisen und Hungerkatastrophen ändert die Rahmenbedingungen auch für unterstützende Projekte. Der Gastbeitrag.

Die Klimaveränderungen und ihre Folgen stellt auch die humanitäre Hilfe nicht nur vor große Herausforderungen, sondern manche Perspektiven und Arbeitsweisen geradezu auf den Kopf. Sechs Lehren, denen sich die Hilfsorganisationen stellen müssen, um auch künftig effektiv und wirksam zu helfen:

Die erste Lehre: Im Mai 2014 grassierte das Ebolavirus in den urbanen Ballungsräumen Westafrikas. Erst fünf Monate später starteten massive Hilfen aufgrund eines ersten Ebola-Falls in den USA. Eine ähnlich verzögerte Reaktion zeigt sich in der Klimakrise, über die bereits seit Ende der 1980er-Jahre berichtet wird. Das zeigt: Einsicht und Handeln setzt erst durch Betroffenheit ein und ignoriert die Tatsache, dass humanitäre Not längst schon besteht.

Die zweite Lehre: Während in jeder Saison durchschnittlich 1,6 Zyklone Mosambik erreichen, waren es im Jahr 2022 drei. Diese Verdopplung der jährlich registrierten Katastrophen lässt sich weltweit beobachten. Zudem werden die Schäden größer. Eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung prognostiziert, dass selbst „die US-Wirtschaft, immerhin eine der stärksten auf unserem Planeten, irgendwann nicht mehr in der Lage sein wird, die Produktionsausfälle in Lieferketten aus eigener Kraft auszugleichen“. Kein Staat dieser Welt kann sich also ohne internationale Zusammenarbeit vor den Auswirkungen der Klimakrise schützen und die Folgen allein kompensieren. Die Rolle von humanitärer Hilfe im Schutz vor den Gefahren und in der Anpassung an die Klimakrise muss in vielen Länder programmatisch und finanziell gestärkt werden.

Die dritte Lehre: Das Zusammenspiel von Klima und Konflikt stellt die größten Herausforderungen für das schon jetzt überlastete humanitäre System dar. Sowohl die Langfristigkeit der Krisen als auch deren Komplexität nehmen zu: In der Subsahara-Region hat sich die Zahl der binnenvertriebenen Menschen innerhalb der vergangenen Jahre verdoppelt. 2018 wurden dort sechs der zehn weltweit schwersten Überflutungen verzeichnet. Die schwersten Ernährungskrisen ereignen sich dort, genau wie die meisten Kriege. Wenn das Ausmaß der Not die zur Verfügung stehenden Finanzmittel übersteigt, dann ist jede Entscheidung an einem Ort zu helfen gleichzeitig eine Entscheidung, woanders nicht helfen zu können. Die ungleiche Verteilung von finanziellen Ressourcen und politischer Aufmerksamkeit wird durch die Klimakrise größer. Kriterien, nach denen entschieden wird, wo geholfen wird, müssen die vergessenen Regionen stärker berücksichtigen.

Die vierte Lehre: Menschen auf der Flucht vor Gewalt und Verfolgung sind auf ihre Umwelt angewiesen, die durch die Klimakrise immer lebensfeindlicher wird. In aufnehmenden Gemeinden oder an temporären Aufenthaltsorten können Spannungen entstehen, wenn Ressourcen wie Trinkwasser, Feuerholz oder Ackerflächen knapp sind. Im Kampf um Ressourcen haben es Extremismus und Gewalt leichter. Die Terrororganisation Al-Kaida rekrutiert in der Sahelzone beispielsweise gezielt junge Menschen, die für sich sonst keine Zukunftsperspektive sehen.

Zur Person

Ole Hengelbrock ist Referent für Grundsatzfragen bei Caritas International.

Schon jetzt sind die Menschen in Syrien, Afghanistan, Irak, Jemen und die Zentralafrikanische Republik neben den anhaltenden Kampfhandlungen zusätzlich von ökologischen Gefahren bedroht. Alle Hilfsmaßnahmen sind auch durch die Linse der Klimakrise zu betrachten.

Die fünfte Lehre : Das Versiegen von Trinkwasserressourcen und der Wegfall von Lebensgrundlagen wie Viehzucht oder Landwirtschaft kann selbst zum Verlust der Heimat führen.

Menschen wandern in den städtischen Raum ab, wo sie vor neuen Problemen stehen: hohe Mieten, unsichere Arbeitsanstellungen im Niedriglohnsektor, soziale Verwerfungen. 80 Prozent der Menschen, die von Ernährungsunsicherheit betroffen sind, leben in Ländern, die sich in einer langwierigen humanitären Krise befinden – wie der Südsudan, Somalia oder der Jemen. Es ist ein Fehler, Menschen mit Zuschreibungen wie „hohe Vulnerabilität“ als „Hilfsempfänger:innen“ zu etikettieren, als ob es sich um inhärente Merkmale und nicht um soziale, politische und wirtschaftliche Zuschreibungen handelt. Dadurch werden Fähigkeiten und Kapazitäten untergraben.

Humanitäre Hilfe darf sich also nicht darin erschöpfen, Symptome abzuschwächen. Anstatt lindernde Aktivitäten aneinanderzureihen, müssen in humanitären Projekten die Menschen als Akteur:innen ihre Lebensgrundlagen mitdenken und gestalten können.

Die sechste Lehre: Die 55 für die Erderhitzung anfälligsten Länder wie Bangladesch und die Philippinen, sind kritisch verschuldet. Eine Staatsverschuldung bindet Ressourcen, die für die Klimaanpassung und die Bewältigung der Schäden benötigt werden. Wenn humanitäre Hilfe mehr als ein Pflaster für ein reines Gewissen sein soll, müssen diese Abhängigkeiten gebrochen werden. Für die zivilgesellschaftlichen Hilfsorganisationen bedeutet das, mehr politische Anwaltschaft in Washington, Brüssel, Paris und Berlin für diese betroffenen Staaten zu leisten. Es braucht einen Schuldenschnitt für den Globalen Süden. Das wäre ein Teil der historischen Wiedergutmachung für die Schäden, die mehrheitlich der Globale Norden verursacht hat. Das humanitäre Prinzip der Neutralität bzw. die Abhängigkeit von öffentlichen Finanzmitteln dürfen nicht davon abhalten, für Klimagerechtigkeit einzustehen.

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