Helmut Kohl (l) im Gespräch mit Michail Gorbatschow.
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Helmut Kohl (l) im Gespräch mit Michail Gorbatschow.

Helmut Kohl

Die Legende um Kohls Strickjacke

  • Holger Schmale
    vonHolger Schmale
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Vor 25 Jahren handelte der Kanzler Helmut Kohl den Sowjets die künftige Souveränität Deutschlands ab. Nicht jeder im Kreml war davon begeistert: Von politischem Masochismus war die Rede.

Hat Helmut Kohl die Souveränität des vereinten Deutschlands und dessen Zugehörigkeit zur Nato auf einem Baumstumpf im Kaukasus sitzend und in Strickjacke ausgehandelt? Das ist eine dieser Legenden, die schön zu erzählen sind, die über die Jahre ein Eigenleben entfalten und die doch nicht so ganz stimmen.

Richtig ist, dass der damalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow den deutschen Kanzler im Juli 1990 in seine Datscha in dem Kaukasusdorf Archys eingeladen hat, um dort die entscheidenden Gespräche über den weiteren Gang der deutschen Einheit zu führen. Jener viel beschriebene, von Fotografen festgehaltene Spaziergang zum Ufer des Flusses Selemtschuk aber war nur das Vorspiel. Er sollte aller Welt zeigen, in welch entspannter Atmosphäre Gorbatschow und Kohl miteinander verkehrten.

Es war ein PR-Trick Gorbatschows, den Kohl wenige Jahre zuvor noch mit dem Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels verglichen hatte – genau wegen solch geschickten Umgangs mit der Öffentlichkeit. Nun ließ er sich gern darauf ein. Und es gingen Bilder um die Welt, wie sie vorher nie zu sehen waren: Gorbatschow und Kohl spazierend im Wald, Gorbatschow und Kohl plaudernd am Ufer des reißenden Flusses, dann rastend auf einer Sitzgruppe aus Baumstämmen. Die Kleidung leger, die Stimmung fast familiär. Eine Inszenierung, die offenkundig eine Eigendynamik entwickelte und die Mitwirkenden ergriff. „Selten habe ich Michail Gorbatschow in einer so gelösten Stimmung erlebt“, notierte Kohl später.

Die beiden Politiker waren am 15. Juli, einem Sonntag, gemeinsam aus Moskau in den Kaukasus geflogen. Kurz nach ihrer Ankunft in der Datscha, einer ehemaligen Försterei im Tal des Selemtschuk, hatte Gorbatschow seinen Gast zu einem Spaziergang eingeladen. Kohl zog schnell eine dunkle Strickjacke, die er auch auf längeren Flügen gern trug, über das weiße Hemd, der Kreml-Chef einen Pullover. Beide Kleidungsstücke wurden später im Bonner Haus der Geschichte ausgestellt, als Dokumente der Zeitgeschichte. Aber worüber wurde geredet? Über Fragen der Zeitgeschichte? „Keiner von uns hatte Lust, über große Politik zu sprechen“, schreibt Kohl in seinen Erinnerungen. „Und so plauderten wir über Gott und die Welt.“

Die Vorbehalte von Gorbatschow

Große Politik wurde dann erst am nächsten Morgen gemacht, in einem zum Konferenzraum umgestalteten Zimmer der alten Försterei. Es ging um zwei zentrale Fragen: Wann würde das noch unter staatsrechtlichen Vorbehalten der alten Siegermächte stehende vereinigte Deutschland seine volle Souveränität wiedererlangen? Und würde ganz Deutschland der Nato angehören können, wie es die Bundesregierung vehement forderte?

Gorbatschow hatte zunächst erhebliche Vorbehalte, die er aber im Laufe der Verhandlungen Stück für Stück aufgab. Die beiden Männer schrieben dann tatsächlich Weltgeschichte, die von manchen als Ergebnis einer ungewöhnlichen Strickjackendiplomatie bezeichnet worden ist. Doch trotz aller Bereitschaft beider Männer, aufeinander zuzugehen und ein wirklich friedliches Kapitel in den Beziehungen zu beginnen, war es wohl eher klassische Scheckbuchdiplomatie, die den Durchbruch brachte. Die Bundesrepublik half der wirtschaftlich angeschlagenen Sowjetunion mit einem Milliardenkredit und sie sagte zu, den Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR mit einem Hilfsprogramm zu begleiten, das unter anderem den Bau von Wohnungen für die heimkehrenden Soldaten umfasste.

Die entscheidende Gesprächsrunde dauerte kaum zwei Stunden, und in der anschließenden Pressekonferenz überließ Gorbatschow es seinem Gast, die entscheidenden Ergebnisse zu verkünden. Kohl fasste sie in acht Punkten zusammen, die beiden wichtigsten lauteten:

„Zweitens: Wenn die Einigung vollzogen wird, werden die Vier-Mächte-Rechte und -Verantwortlichkeiten vollständig abgelöst. Damit erhält das geeinte Deutschland zum Zeitpunkt seiner Vereinigung die volle und uneingeschränkte Souveränität. Drittens: Das vereinte Deutschland kann in Ausübung seiner uneingeschränkten Souveränität und in Übereinstimmung mit der KSZE-Schlussakte frei und selbst entscheiden, ob es einem Bündnis und welchem Bündnis es angehören will.“

Die Regierung der Bundesrepublik sei der Auffassung, dass das geeinte Deutschland Mitglied des Atlantischen Bündnisses sein möchte, erklärte Kohl außerdem. Er sei sicher, dass dies auch der Ansicht der DDR-Regierung entspreche. Er ging damit über einen ausdrücklichen Wunsch Gorbatschows hinweg, der mit Blick auf Widerstände in seinen Reihen gebeten hatte, der Kanzler möge die Nato nicht ausdrücklich nennen. Doch der wollte seinen Triumph voll auskosten. „Die Sensation war perfekt“, notierte er für seine Erinnerungen, „wie das Raunen der Journalisten zeigte.“

Die Probleme hatte dafür Gorbatschow, wie Kohl durchaus registrierte. „Selbst moderate Reformer (in der sowjetischen Führung) reagierten mit Unverständnis bis Empörung“, erinnerte er sich später. Von politischem Masochismus und einem Sommerschlussverkauf war im Kreml die Rede. Leichtfertig und viel zu schnell habe Gorbatschow deutschlandpolitische Grundpositionen aufgegeben. Der Putschversuch gegen ihn ein Jahr später hatte hier einen seiner Ursprünge. Und die bis heute andauernde Auseinandersetzung mit Russland über die Ausdehnung der Nato an die russischen Grenzen ebenfalls.

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