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Kolumne

Die leeren Nischen von Bamiyan

In unseren Bemühungen ums Weltkulturerbe zeigt sich das Menschliche von seiner kreativsten und abgründigsten Seite.

Von Martina Meister

Wenn sich einmal im Jahr das Komitee der Unesco trifft, um darüber zu entscheiden, was ins Weltkulturerbe aufgenommen werden soll, wird der Weltgesellschaft der Puls genommen. Sie muss sich fragen, was so einzigartig ist, dass es auf die begehrte Liste gehört.

Das Okavango Delta in Botswana ist die 1000. Stätte, die es geschafft hat. Man könnte hoffen, dass die einzigartige Naturlandschaft mit den großen Elefanten- und Nashornpopulationen damit vor der Zerstörung bewahrt ist. Aber das ist ein Irrtum. Die Entscheidung war überfällig und ist eher ein „call to action“. Wenn Angola und Namibia weiter am Okavango Dämme bauen, Wehre errichten und Minen verlegen, wird der Stempel „Weltnaturerbe“ gar nichts helfen.

Im Irak ist die Zitadelle in Erbil dazugekommen. Nur macht, was man über Hatra, Aschur und Samarra, die drei anderen Stätten des Irak weiß, wenig Hoffnung. In Mesopotamien, das man so gerne als die Wiege der Zivilisation bezeichnet, wird auf eine Weise zerstört und geplündert, die zeigt, dass der Firnis der besagten Zivilisation nur ein Hauch ist. Es ginge alles dermaßen schnell, ließ eine Unesco-Verantwortliche wissen, dass sich niemand ein Bild machen könne. Die Unesco beschränkt ihren Einsatz darauf, kriegführende Parteien auf die Lage historischer Stätte hinzuweisen und zu hoffen, dass diese Informationen zumindest bei Luftanschlägen berücksichtigt werden.

Auf dem Spiel steht meistens mehr als nur der Erhalt einer Stätte: Es geht um Rettung allgemein. Denn in unseren Bemühungen ums Weltkultur- und Naturerbe zeigt sich das Menschliche von seiner kreativsten und zugleich auch von seiner abgründigsten Seite. Es geht um Schönheit und Zerstörung. Wie das Kunstwerk ist auch das Werk der Zerstörung ein zutiefst Menschliches. Ganze vier Tage haben die Taliban 2001 gebraucht, um die Buddha-Statuen von Bamiyan zu zerstören. Ohne sie je gesehen zu haben, bilde ich mir ein, seit diesem Tag eine Art Phantomschmerz zu fühlen. Die immensen Löcher in den Felsen sind bis heute ein Zeichen der Ohnmacht angesichts sinnloser Gewalt.

Das Problem der Zerstörung stellt sich in Frankreich noch etwas anders dar. Für die Chauvet-Höhle in der Ardèche, die nun auch zum Weltkulturerbe zählt, ist es allein menschliche Präsenz, die verheerend wäre für die sagenhaften Höhlenzeichnungen. Kurzerhand haben die Franzosen beschlossen, die 8500 Quadratmeter große Höhle nachzubauen. Die irrsten Technologien sind im Einsatz, um die Felswände Millimeter für Millimeter zu rekonstruieren. Im Presseheft steht: „Unser Ziel ist es, dieselben Gefühle auszulösen.“ Der Frühgeschichtler Jean Clottes hatte beschrieben, wie es ihm den Boden unter den Füßen wegzog, nachdem er die Zeichnungen gesehen hatte: „Ich war überwältigt. Aber es hatte nichts mit Wissenschaft zu tun. Ich stand vor einem großen Kunstwerk.“

Nur wissen wir von Walter Benjamin, wie es sich mit dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit verhält: Die Aura kommt abhanden. Die Kopie ist keine Kunst. Die Spur menschlicher Präsenz der Urzeit wird verwischt sein von technologischer Perfektion. Wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. Oder wie die fehlenden Buddhas in den leeren Nischen von Bamiyan.

Martina Meister lebt und arbeitet als Kulturjournalistin in Paris.

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