Weiterbildung

Lebenslang lernen – eine Chance für alle

Weiterbildung muss künftig den gleichen Stellenwert haben wie die Erstausbildung. Und staatliche Hilfe muss dort landen, wo sie gebraucht wird. der Gastbeitrag. 

Eine systematische und kontinuierliche Weiterbildung ist eine entscheidende Voraussetzung für die Bewältigung der digitalen Transformation, und zwar sowohl für den Einzelnen im Hinblick auf den Erhalt der eigenen Beschäftigungsfähigkeit als auch für die Wirtschaft zur Deckung des Fachkräftebedarfs und schließlich für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Auf diese immensen Herausforderungen ist das deutsche Weiterbildungssystem weder qualitativ noch quantitativ vorbereitet.

Fehlende Transparenz hinsichtlich der Zugangsbedingungen, der Qualitätsstandards und der Zertifikate, deren Anerkennung an Länder- oder sogar an Kammergrenzen Halt macht, kennzeichnen das deutsche Weiterbildungssystem. Ein Hinweis darauf, wie schwierig es ist, sich in dieser historisch gewachsenen Strukturlosigkeit zurechtzufinden, ist die vom Bundesinstitut für berufliche Bildung (BIBB) herausgegebene 50-seitige Checkliste, die Interessierte dabei unterstützen soll, eine relevante Fortbildung zu finden. Dass die intransparente Anbieterlandschaft insbesondere auf „bildungsferne“ Menschen abschreckend wirkt, zeigt auch die Tatsache, dass die Weiterbildungsquote von Geringqualifizierten um mehr als die Hälfte unter der derjenigen im höherqualifizierten Bereich liegt.

Mit anderen Worten: Statt Bildungsversäumnisse der beruflichen Erstausbildung auszugleichen, verstärkt das deutsche Weiterbildungssystem die Bildungsungleichheit im Lebensverlauf. Solange diese Strukturdefizite nicht beseitigt sind, sollte kein zusätzliches Geld ins System fließen.

Wenn lebenslanges Lernen zum selbstverständlichen Teil jeder Berufsbiografie werden soll, muss die fragmentierte und intransparente Weiterbildungslandschaft zu einem stimmigen System entwickelt werden. Dabei ausschließlich auf den Markt als Regulierungsmechanismus zu setzen, hieße, etwas fortzuschreiben, was seit Jahren nicht funktioniert.

Mit dem Übergang in die Wissensgesellschaft und verstärkt durch die Digitalisierung wird der Berufs- und Studienabschluss kein Endpunkt, sondern Ausgangspunkt für den weiteren individuellen Bildungsweg sein. Weiterbildung wird also in puncto Relevanz der Erstausbildung künftig nicht mehr nachstehen. Deshalb muss Weiterbildung neben Schule, Ausbildung und Studium zu einer eigenen gleichberechtigten Säule des Bildungssystems werden.

Öffentliche Verantwortung heißt allerdings nicht Verstaatlichung. Der Staat soll aber dafür sorgen, dass eine gute Weiterbildungsinfrastruktur entsteht, Aufgaben erfüllt und Spielregeln eingehalten werden sowie ein Rahmen für die unterschiedlichen Akteure gesetzt wird.

Dies sollte nicht durch eine staatliche Weiterbildungsbehörde geschehen, sondern – in Anlehnung an die duale Ausbildung – unter Beteiligung der Sozialpartner und in enger Abstimmung mit den Ländern und den Akteuren der Weiterbildung. In einem kontinuierlichen Reformprozess soll die fragmentierte Weiterbildungslandschaft in ein System lebenslangen Lernens mit hoher Durchlässigkeit und in öffentlicher Verantwortung überführt werden.

Um allen eine Beteiligung an Qualifizierungsmaßnahmen zu ermöglichen, muss der Lebensunterhalt während der Weiterbildung gesichert sein. Dabei sollte die Finanzierung den unterschiedlichen Bedarfen Rechnung tragen. Individuelle Finanzbudgets wie das Chancenkonto oder ein Bildungsgrundeinkommen, die allen BürgerInnen die gleiche Summe zur Verfügung stellen, laufen Gefahr, die Bildungsungleichheit zu verstärken. Denn der Bedarf an Qualifizierung und die damit verbundenen Kosten sind sehr unterschiedlich.

So können insbesondere Geringqualifizierte einen Weiterbildungsbedarf haben, der durch das einheitliche Budget nicht gedeckt werden kann. Zugleich hat diese Gruppe in ihrer bisherigen Bildungsbiografie deutlich weniger Bildungskosten verursacht als zum Beispiel AkademikerInnen. Deshalb sind solidarische Lösungen wie die Arbeitsversicherung, die die Unterstützung am Bedarf der WeiterbildungsteilnehmerInnen ausrichtet, vorzuziehen.

Die tiefgreifenden Veränderungen, die mit der digitalen Transformation verbunden sind, führen bei vielen Menschen zu Abstiegsängsten und Verunsicherungen. Zukunftsängste sind ein mentaler Resonanzboden für Rechtspopulismus und bergen sozialen und politischen Sprengstoff. Deshalb müssen sich die Betroffenen darauf verlassen können, dass die Gesellschaft sie durch ein solidarisch organisiertes Weiterbildungssystem darin unterstützt, mit technischen und sozialen Veränderungen Schritt zu halten und sich die notwendigen Qualifikationen und Kompetenzen aneignen zu können.

Brigitte Pothmer saß von 2005 bis 2017 für die Grünen im Bundestag. Mit einem Kreis von Experten hat sie im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung ein Weiterbildungskonzept erarbeitet.

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