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Lebendig kommunizieren

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Von: Karl-Heinz Karisch

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Schon vor hundert Jahren hat man sich umfassende Gedanken zur Versimpelung unserer Sprache gemacht.

Als Kind hatte ich eine Sauklaue. Meine Handschrift schwankte wie ein Weizenfeld im Wind. Meine Lehrer sprachen von Kraut und Rüben. Irgendwann, als es mal kritisch um mich in der Schule stand, setzte ich mich hin, legte den Winkel fest – leicht nach rechts – und übte verschiedene Schreibschriften durch. Meine fortan immer flüssiger werdende Handschrift ließ den Notenspiegel ansteigen. Bis heute schreibe ich gerne mit der Hand, vor allem, wenn ich erste Ideen sammle.

Möglicherweise ist diese Woche eine kleine Meldung untergegangen, die aus dem kalten Finnland kam. Die klügsten Schüler Europas, die immer wieder die Pisa-Tests mit Bravour absolvieren, sollen künftig noch cleverer werden. Die Finnen wollen abschaffen, was mir und Generationen von Schülern Mühe bereitete: die gebundene Schreibschrift. Flüssiges Tippen auf der Tastatur gilt dort künftig als wichtigeres Bildungsziel. Ob es dabei allerdings bleiben wird? Smartphone oder Computer nehmen doch heute schon fast fehlerfrei jedes Diktat entgegen und wandeln es in gedruckten Text um. Eine faszinierende Entwicklung.

Deutschland jedenfalls blickt seit Jahren gebannt auf das finnische Schulsystem. Ja liebe Bildungspolitiker, jetzt mal ganz frisch nachgedacht. Auch bei uns haben rund 20 Prozent der Schüler massive Probleme mit dem Schreiben. Wen wundert’s, schon der Blick in unseren Duden ist an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten. Die Reformen haben zum irrsinnigen Wirrwarr der Möglichkeiten geführt. Machen wir’s doch wie die Briten, die eine Weltsprache samt einfachsten Pidgin-Formen erfolgreich etabliert haben. Weg mit der Großschreibung von Hauptwörtern. Am Satzanfang und für Eigennamen reicht der Großbuchstabe. Schluss mit unserer Gier nach schier endlosen Bandwurmwörtern. Paradebeispiel: Donaudampfschifffahrtsgesellschaft. Die einzelnen Worte nebeneinander und getrennt ist doch genauso verständlich: einbahn straße. So geht das. Übrigens ist das keine Idee von mir, ich habe das in einem Buch aus den 20er-Jahren entdeckt, das komplett so geschrieben war. Bliebe dieser selbst für viele Deutsche komplizierte Sachverhalt mit den Artikeln der, die und das. Heißt es das Virus oder der Virus? Geht natürlich wieder mal beides, dank Duden. Was anderes hätte mich auch verwundert. Weg damit. Ein schlichtes „de“ reicht aus und macht unsere Sprache extrem viel einfacher. Die Niederländer machen’s doch auch so. Für die Pluralbildung reichen dann wenige Regeln. Vor hundert Jahren, als die Deutschen noch Kolonien in Afrika erobern wollten, hat man sich umfassende Gedanken zur Versimpelung unserer Sprache gemacht. Das mit den Kolonien hat nicht geklappt. Aber die damaligen Ideen für Pidgin-Deutsch, die sollten sich unsere Linguisten mal anschauen.

Deutschland ist Einwanderungsland, vor allem Jugendliche kreieren ganz neue Slangs. Sehr kreativ, aber in Berlin anders als in Frankfurt am Main. Da wäre doch ein wenig Einheitlichkeit eine tolle Sache. Lebendige Sprache und ihre Vermittlung in Schriftform dienen der Kommunikation. Und die soll Spaß machen oder informieren, zumindest aber keine abstrakte Wissenschaft für wenige Experten sein. „Läuft bei Dir“, sage ich da nur. Das ist das Jugendwort des Jahres 2014 und bedeutet so viel wie cool oder krass.

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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