Leben mit Demenz

Nach Hause 

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Es ist nicht immer leicht, meiner 98-jährigen Mutter zu erklären, dass sie keine eigene Wohnung mehr hat. 

Sie können jetzt zu ihr“, hatte kurz angebunden eine Krankenschwester in der Notaufnahme des Urban-Krankenhauses gesagt. Meine Mutter (98) hatte über Brustschmerzen geklagt und war mit Verdacht auf einen Herzinfarkt eingeliefert worden.

Es sei noch zu früh für eine Diagnose, hatte die junge Ärztin gesagt. Einen Infarkt könne sie ausschließen, wahrscheinlicher sei eine Lungenentzündung. Sie nahm die Gelegenheit wahr, mich nach weiteren Vorerkrankungen zu befragen.

Meine Mutter lag zusammengekauert auf einer Liege. Sie hatte mich wahrgenommen, war aber wohl zu schwach für eine Regung. Die Ärztin war darüber informiert, dass eine Patientenverfügung vorlag, in kühler Nüchternheit verständigten wir uns über das Nötigste.

Das Bestreben, als eine zu erscheinen, die alles im Griff hat, machte sie attraktiv. Wir besprachen, was bei einer Verschlechterung von Mutters Zustand zu tun sei – und was nicht. Intensivstation ja, lebenserhaltende Maßnahmen um jeden Preis: nein. Wenn das so einfach wäre.

Am nächsten Tag ging es ihr schon wieder viel besser. Ich versuchte ihr zu erklären, dass sie im Krankenhaus sei. Lungenentzündung. Wo soll ich die den herhaben, sagte sie ungläubig. Als ich sie wieder verließ, sagte sie, ich solle unbedingt Paul Bescheid geben.

Paul war ihr Mann, mein Vater, der bereits 1992 gestorben war. Nun war er wieder bei ihr, auch die nächsten Tage. Die Antibiotika schienen sie geradezu in einen euphorischen Zustand versetzt zu haben. Wann denn Paul einmal zu ihr komme. „Ach, Paul“, sagte ich. „Da würdest du dich freuen, wenn er jetzt käme.“ Es gehe ihr schon wieder besser, sagte sie. Bestimmt könne sie bald nach Hause zurückkehren.

Es dauerte noch ein paar Tage ehe sie tatsächlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Sie hatte sich wieder gut erholt, allein die orale Einnahme der großen Tabletten bereitete Schwierigkeiten. Einmal musste sie erbrechen, weil eine im Hals stecken geblieben war.

Am Tag ihrer Entlassung aus dem Urban besuchte ich sie abends im Pflegeheim, wo sie völlig verwirrt war. Das war nicht ihr Zuhause, auf das sie sich gefreut hatte, natürlich nicht. War sie sonst auch den Pflegern, zumindest den meisten, gegenüber freundlich und zugewandt, so wehrte sie nun alles ab. Sie wollte immerzu aufstehen und fort, obwohl das lange Liegen im Krankenhaus dazu geführt hatte, dass sie kaum auf ihren dünnen Beinen stehen konnte. Die Gefahr eines Sturzes war groß.

In den Momenten gesteigerter Unruhe war es uns meist gelungen, sie wieder zu beruhigen. Nun aber waren auch wir hilflos. Wo denn Paul bleibe, wollte sie in ihrer Verzweiflung wissen. Am späten Abend entließ ein Beruhigungsmittel sie in den Schlaf. Ich hingegen wachte mehrfach auf, weil ich auf den Wunsch ihrer erhofften Rückkehr keine befriedigende Antwort zu geben imstande war.

Am nächsten Tag saß sie aufrecht im Sessel und begrüßte mich freudig bereits von weitem: Es ist gut, dass du kommst. Dann können wir ja jetzt nach Hause gehen.“ Ich war erleichtert. Die leicht ins Irre tendierende Zwanghaftigkeit des Vorabends war gewichen. Als ich mich verabschiedete, sagte sie: „Komm aber nicht so spät wieder.“

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