Der Überlastungstag hat sich erstmals nicht nach vorn, sondern nach hinten verschoben. 2019 war er bereits am 30. Juli erreicht, 2020 am 22. August.
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Der Überlastungstag hat sich erstmals nicht nach vorn, sondern nach hinten verschoben. 2019 war er bereits am 30. Juli erreicht, 2020 am 22. August.

Erdüberlastungstag

Der Kollateralnutzen von Corona – und was wir daraus machen könnten

  • Steven Geyer
    vonSteven Geyer
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Die Corona-Krise hat geholfen, den Überlastungstag der Erde nach hinten zu verschieben. Die Lehre aber für die Klimakrise lautet: Verzicht allein löst das Problem nicht. Der Leitartikel.

Der Zeitpunkt kommt jedes Jahr so sicher wie Weihnachten, nur leider nie so spät: Von dieser Woche an leben wir wieder für den Rest des Jahres auf Pump – zulasten künftiger Generationen. Wasser, Wälder, Böden, saubere Luft: Rechnerisch können sich die Ressourcen, die die Menschheit seit dem sogenannten Erdüberlastungstag an diesem Wochenende bis Silvester verbraucht, nicht mehr regenerieren.

Noch Ende der 1960er lebten wir, global gesehen, nicht derart zerstörerisch, was freilich vor allem an den bescheidenen Verhältnissen in Schwellen- und Entwicklungsländern lag. Das letzte Mal, dass Weihnachten und Überlastungstag zusammenfielen, ist fast 50 Jahre her.

Seitdem stiegen Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung und die Belastung der Atmosphäre stetig an – so sehr, dass die Menschheit heute das 1,6-Fache dessen verbraucht, was die Erde hergibt. Würden alle Staaten so wirtschaften wie Deutschland, würden sogar drei „Erden“ verbraucht, nach dem Modell der USA wären es fünf. Lange geht das nicht mehr gut.

Allerdings geschah in diesem Jahr etwas Beachtliches: Der Anstieg des globalen Verbrauchs ist gestoppt, der Überlastungstag hat sich erstmals nicht nach vorn, sondern nach hinten verschoben. 2019 war er bereits am 30. Juli erreicht.

Klingt gut, verbirgt aber in Wahrheit eine schlechte Nachricht: Die einzige Ursache für den Rückgang im Raubbau im laufenden Jahr war die Corona-Pandemie und die von ihr ausgelöste Rezession, der Rückgang im Flug- und Schiffsverkehr und im Konsum. Wir erleben also keine Trendwende, sondern nur einen Kollateralnutzen. Schlimmer noch: Selbst ein so einmaliges, weltweites Ausbremsen des Ressourcenverbrauchs, wie es ihn durch Corona gab, hat uns lediglich gute drei Wochen Aufschub für die Überlastung von Erde und Klima gebracht.

Wer also – wie mancher Klimaaktivist dieser Tage – den krisenbedingten Rückgang des Ausstoßes von Kohlendioxid (CO2) für den Beweis hält, dass Politik und Wirtschaft im Krisenfall doch einen Weg zum schnellen Ausstieg aus der Verschwendung finden, der denkt zu kurz. Denn die massiven Einschnitte haben viele Menschen und Wirtschaftsbranchen in große Nöte gestürzt – und doch kaum nennenswerte Linderung für Klima und Natur bewirkt.

Und doch lässt sich auch Hoffnung aus dem Corona-Effekt schöpfen: Die Viruskrise könnte ein Weckruf sein, dass die Staatengemeinschaft so wie im Kampf gegen die Pandemie und bei der Suche nach Impfstoff und Medikamenten künftig auch in der Klimakrise kooperiert – zumal der ignorante Umgang des Menschen mit der Natur und sein Vordringen in entlegene Biotope ja Pandemien begünstigen.

Auch lernen viele Menschen in den Industrieländern gerade, dass mancher Verzicht im Konsum- und Fernreiseverhalten durchaus auszuhalten ist oder dass es funktionierende Alternativen gibt. Wie viele Gipfeltreffen und Konferenzen hätte man schon seit Jahren per Video abhalten können!

Vor allem aber sollte nun allen klar geworden sein, dass die Zerstörung von Klima und Umwelt nicht zum Preis von Jobverlusten, wirtschaftlichem Niedergang und Minuswachstum umkehrbar sein wird. Wie sollte man dafür dauerhaft demokratische Mehrheiten gewinnen? Warum hofft man derzeit parteiübergreifend, die Einbrüche im Wirtschaftswachstum aufhalten zu können, wenn wirklich der vor Corona beschworene „Ausstieg aus dem Wachstumswahn“ die Lösung wäre?

Nein, gerade diese Krise zeigt, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum endlich zusammengedacht werden müssen – und beide Seiten, Wirtschaftspolitiker wie Klimaschützer, einsehen müssen, dass das eben kein Widerspruch ist. Sondern ein gemeinsames Projekt, übrigens besonders für die nächste Bundesregierung. Es geht beispielsweise darum, die Energiewende stärker als dezentrales Projekt zu denken, von dem Bürger und Mittelstand profitieren.

Auch in anderen Ländern gibt es Ansätze für intelligentes, weil nachhaltiges Wachstum: Indem etwa der Staat nicht, wie gerade US-Präsident Donald Trump, die ohnehin sterbende Kohleindustrie rettet, sondern neue Jobs in der Ökostromerzeugung unterstützt. Indem die großen Schwellenländer in die Lage versetzt werden, ihren wachsenden Energiehunger erstens effizienter und zweitens direkt mit Sonne und Wind zu stillen – statt Entwicklungsrabatte beim CO2-Ausstoß auszuhandeln. All das braucht neben Erfindergeist allerdings politische Rahmenbedingungen.

Wachstum wäre nicht das Problem, wenn es endlich grün statt zerstörerisch wäre. Sicher: Dieser Wandel ist nicht ohne Kosten, Streit und vor allem die Entmachtung mancher heute noch einflussreicher Industrien zugunsten neuer Branchen zu haben. Aber er ist machbar – und überfällig.

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