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Kolumne

Es lebe das bedruckte Papier!

  • VonKarl-Heinz Karisch
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Unlängst sah ich in der Bahn jemanden mit Buch. Nur ein letztes Aufbäumen gegen die Übermacht der Digitalwelt?

Das Trinken eines Fahrbiers gehört inzwischen zum Alltag in den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin und anderswo. Handwerker und Bauarbeiter gönnen sich einen Schluck aus der Flasche auf den Feierabend. Freitagabends leisten ihnen Jugendliche Gesellschaft, auch mit Bier, aber ohne Feierabendstimmung. Hier wird sich warm gemacht fürs Wochenende. In Mitte und in den touristischen Gegenden kreisen sogar Wein- oder Sektflaschen.

Am frühen Morgen fahren dann wieder die Nüchternen mit. Sie wischen nach rechts, nach links und umgekehrt. Junge Leute mit Kopfhörern liebkosen mit zartem Strich ihre Smartphones oder Tablets, während ältere Semester auf ihrem Kindle oder Tolino die neuesten Bestseller verschlingen. Praktisch, weil sie bei Maximalschrift getrost die Brille vergessen können. Ist die ganze Welt nur noch angeschickert oder digital unterwegs?

Nein, keineswegs. Seit kurzem gibt es Sonderlinge unter meinen Mitfahrern. Als ich den ersten sah, dachte ich, was macht der denn? Hat doch tatsächlich ein vergilbtes Bündel gedruckten Papiers in der Hand, das verdächtig nach Buch aussah. Offenbar ein junger Rebell, der sich aus dem Bücherschrank der Eltern bedient hatte. Unauffällig versuchte ich, den Titel zu erhaschen. „Fünf Tage im Juni“ von Stefan Heym, ein Roman über den Volksaufstand in der DDR 1953.

Inzwischen ist aus dem einzelnen Rebellen schon fast eine Bewegung geworden. Nur ein letztes Aufbäumen gegen die Übermacht der Digitalwelt, oder steckt gar mehr dahinter? Für Journalisten, die in den vergangenen Jahren nur mit schrumpfenden Auflagen konfrontiert waren, wäre es ein Hoffnungsschimmer. Seit 13 Jahren ging’s so steil bergab, dass man unschwer errechnen konnte, wann die letzte Druckerpresse abgeschaltet würde. 2046 wäre das.

Glücklicherweise lässt sich die Zukunft aber nicht voraussagen. Alle wissenschaftlichen Prognosen der Vergangenheit waren schlicht falsch. Das Internet etwa hatte kein Technikprophet auf dem Schirm.

Die Visionäre dafür saßen Anfang der 60er Jahre im US-Verteidigungsministerium. Falls es zu einem Atomkrieg mit der Sowjetunion kommen würde, sollte ein digitales Netzwerk weiterarbeiten, selbst wenn der eine oder andere Computer zerstört worden wäre. Dieses revolutionäre dezentrale Konzept mündete im Arpanet, der militärischen Keimzelle des heutigen Internet.

Deshalb ist herrlich naiv, wer sich darüber mokiert, dass US-Geheimdienste über das Internet auf unsere Daten zugreifen. Das Internet ist ihr Baby, der drohende Atomkrieg der Geburtshelfer. Die Dienste bestreiten das zwar. Aber auch die Entwicklung von mathematischen Algorithmen zur Datenkompression für Spionagesatelliten und später zum Durchfischen von Milliarden Mails, stammen aus dieser Ära.

Geheimdienste sollen kürzlich wieder mechanische Schreibmaschinen bestellt haben. Schlechte Zeiten für verdienstvolle Whistleblower wie Edward Snowden. Da lassen sich Daten nicht mehr so simpel abgreifen und kopieren. Es lebe das bedruckte Papier auch nach 2046! Die Zeitschriften haben ihren Sinkflug schon gestoppt, jetzt müssen nur noch die Tageszeitungen nachziehen. Vielleicht sehe ich morgen ja einen, der so ein Ding in der Hand hält.

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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