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Wie groß ist der AfD-Mann Leif-Erik Holm?

Wahlen

Lauter Riesen in Mecklenburg?

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Je größer ein Mensch, desto konservativer ist er, sagt eine Studie. Dann müsste ich 2,8 Prozent rechts von der Mitte stehen. Auch in Mecklenburg trifft das nicht zu. Die Kolumne

Mit meiner Körpergröße hatte ich schon immer Ärger. Das fing in der Schule an. Zu Demonstrationszwecken holte die Lehrerin mich nach vorne um den Unterschied zwischen groß, größer und am größten zu erklären. Ich landete in der Kategorie ‚viel zu groß‘. Später kam der Schulfotograf.

Alle waren auf dem Klassenfoto, nur mein Kopf nicht. Als Jugendlicher begegnete ich einem wüsten Mann, der mich mit den Worten anrempelte: „Na, wie ist die Luft da oben, Du Lulatsch.“ Ich entgegnete geübt, aber unvorsichtig: „Es stinkt nach Zwergen.“ Seitdem fehlt mir ein Schneidezahn.
Letzte Woche musste ich lesen, dass sich die politische Einstellung mit der Körpergröße ändert. Mit jeden Zentimeter Zuwachs, haben Statistiker herausgefunden, würde man um 0,2 Prozent konservativer werden. Ich bin 14 Zentimeter größer als der durchschnittliche Deutsche, müsste also 2,8 Prozent rechts von der Mitte stehen, wusste aber nicht, was das zu bedeuten hat. Sind 2,8 Prozent viel oder wenig? Und bei welcher Partei müsste ich mich dann befinden, politisch gesehen? Bei der CDU? Bei der CSU? Oder schon bei der AfD? Und wenn ich schon bei der AfD bin, warum wähle ich sie dann nicht?

Am Montag bin ich gleich von Brandenburg aus über die Landesgrenze gefahren, nach Mecklenburg, um der Sache auf den Grund zu gehen. Rein theoretisch, dachte ich mir, müssten in Mecklenburg nach der letzten Wahl lauter Riesen leben.

Die Landesgrenze liegt nicht weit von unserem kleinen Häuschen, in dem ich den Sommer verbringe. Nur zwei, drei Dörfer und einmal in den Kreisverkehr, schon bin ich auf der anderen Seite und in Ludwigslust, einer kleinen Stadt zwischen Hamburg und Berlin, mit etwa zwölftausend Einwohnern. Die Stadt heißt wie sie heißt, weil Prinz Christian Ludwig der Zweite, Herzog von Mecklenburg, dort im 18. Jahrhundert ein viel größeres Schloss in die Landschaft gebaut hat als es die Erwartungen vermuten lassen: das Schloss ist riesig, der Park ist riesig, der Himmel ist riesig, nur die Menschen werden immer weniger, wie in ganz Mecklenburg. Vielleicht wachsen sie einfach nicht mehr.

Auch Hitler war ein Zwerg

Ich ging durch die Innenstadt. 20 Prozent der Einwohner haben hier die AfD gewählt, aber fast alle Menschen, denen ich begegnete, waren kleiner als ich. Nur ein Mann kam mir entgegen, der größer war, bestimmt über zwei Meter. Ich schnitt ihm den Weg ab und sagte ihm auf den Kopf zu, dass er die AfD gewählt habe. Vielleicht sogar die NPD. Es hätte mich fast den zweiten Schneidezahn gekostet. Außerdem kam er aus Hamburg.

Schließlich landete ich auf dem Marktplatz von Ludwigslust. Dort habe ich vor Jahren meine erste NPD-Kundgebung erlebt. Stramme junge Männer mit nicht ganz so strammen Bäuchen standen am Rand der Bühne, hielten weiß-rote Fahnen in den Wind, während ein Redner in das Mikrofon brüllte, die Heimat sei keine Heimat mehr und bald stünden Minarette statt Kirchen im Land. Dann sang ein Barde Lieder, die so klangen, als hätte sie Hannes Wader geschrieben, nur die Texte waren anders. Vor der Bühne standen außer mir noch zwei andere Menschen, einer von ihnen klatschte. In meiner Erinnerungen waren alle sehr klein, jedenfalls nicht größer als Adolf Hitler, der 1,75 Meter nicht überschritten hat. War halt ein Zwerg, der Mann.

Volker Heise ist Filmemacher.

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