Kolumne

Von Laster und Tugend

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Jeder weiß hinreichend darüber Bescheid, was gut für Klima und Umwelt ist. Aber warum verhalten wir uns trotz des Wissens nicht danach?

In einer Szene des amerikanischen Spielfilms „Sideways“ von 2004 geht der Weinkenner und Genießer Miles aus lauter Liebeskummer von einem Moment zum anderen dazu über, sich sinnlos zu betrinken. Er tut es wider besseres Wissen und gegen seine sonstigen Gewohnheiten nicht stilvoll Glas für Glas oder wenigstens in kleinen Schlucken. Vielmehr setzt er eine Flasche an, lässt deren Inhalt hastig durch seine Kehle rinnen und setzt nicht ab, ehe diese geleert ist.

Trinken mag man den Vorgang kaum nennen, und es geht Miles in diesem Moment ganz offensichtlich darum, die Wirkung des Alkohols so schnell wie möglich zu spüren. Das Vorhaben gelingt. Irgendwann kullert er im Vollrausch einen kleinen Hügel hinunter und bleibt, endlich unten angekommen, reglos liegen.

Es gibt verschiedene Lesarten für Alexander Paynes heiter-melancholischen Film über menschliche, allzu menschliche Schwächen, und in mancherlei Hinsicht spiegelt er den alltäglichen Umgang mit der gebotenen Vernunft.

Akrasia ist der griechische Ausdruck für Willensschwäche, und sie hat zuletzt in zunehmenden Maß auch die gesellschaftspolitischen Debatten bestimmt. Das Handeln wider besseres Wissen ist tief in unserem Tun und Lassen verankert, aber es ist so gut wie nicht zu beheben.

Selbst wenn man kein Meteorologe ist, weiß der durchschnittliche Bürger inzwischen hinreichend darüber Bescheid, was gut für Klima und Umwelt ist. Ein kleineres Auto ist besser als ein Porsche 911, und fleischlose Ernährung trägt nicht nur zum gesundheitlichen Wohlbefinden, sondern auch zu einem günstigen ökologischen Fußabdruck bei. Trotz des ausgeprägten Wissens aber verhält sich fast jeder, zumindest in seinen dunklen Momenten, wie Miles in „Sideways“.

Aufs gesellschaftspolitische Gesamtbild übertragen könnte man einwenden, dass das Bild womöglich ein wenig schief ist. Zumindest in Bezug auf die ruppigen Aktivitäten eines Donald Trump ist der Gedanke nicht abwegig, dass es sich dabei keineswegs um ein Handeln wider besseres Wissen handelt.

Der Mann scheint weder über Wissen noch über ein Gewissen zu verfügen. Und in der hiesigen Politik meint man den saufenden Miles im Lager der AfD verorten zu können.

Die propagandistische Gewissheit, den Klimawandel zu leugnen, folgt einem übermächtigen Impuls, den Freud als das Es beschrieben hat, während das grüne Über-Ich danebensteht und besorgt den Kopf schüttelt. Die Position des vernunftbegabten Ichs, das den Alltag zu meistern weiß, scheint allerdings nicht besetzt.

Der Philosoph Martin Seel hat vor einiger Zeit anregend dargelegt, dass es nicht weiterführt, verbittert die Laster zu bekämpfen. In seinem Buch „111 Laster und 111 Tugenden“ hat er die Schwächen und die Versuche, ihnen zu trotzen, zum Tanzen gebracht.

„Jedem menschlichen Vorzug“, schreibt Seel, „wohnt eine Tendenz zur Abirrung vom Pfad der Tugend, fast jedem Laster ein Impuls zum Abbiegen auf ihn inne. Überspitzt gesagt: Tugenden sind Laster, die ihr Schlimmstes nicht ausleben; Laster sind Tugenden, die ihr Bestes versäumen.“ Es ist vielleicht angebracht, diese Ambiguität in den gesellschaftlichen Debatten und Konflikten zu ihrem Recht kommen zu lassen.

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