Kolumne

Last Christmas - all überall

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Die Weihnachtszeit zeigt: Deutschland wird nicht islamisiert und Ruhe gibt es erst, wenn die Geschenke ausgepackt sind. Es kann aber trotzdem schön sein.

Die Adventszeit wird uns von Marketingfachleuten und Kirchenoberhäuptern ja gerne als Zeit der Ruhe und Einkehr verkauft. Keine Ahnung, wie es Ihnen geht, aber ich bin selten so sehr im Stress wie am Jahresende. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Alle Aufträge müssen noch schnell abgearbeitet werden, Weihnachtsfeiern stehen an, Adventskaffeekränze auch, dann die Feiertagsplanung und natürlich die elende Geschenkesucherei. Dabei will ich eigentlich am liebsten draußen stehen und Glühwein trinken. Schon seit Wochen sehe ich nämlich in sozialen Netzwerken einen Veranstaltungshinweis nach dem nächsten für Berlins riesige Auswahl an Weihnachtsmärkten.

Klassische, vegane, skandinavische, alternative und sogar über einen japanisch-koreanischen Weihnachtsmarkt bin ich bei Facebook gestolpert. Es scheint, als verwandle sich die ganze Stadt nun in einen Marktplatz, auf dem pausenlos Last Christmas läuft.

In manchen dunklen Teilen des Internets hält sich hartnäckig der rechte Mythos, die Islamisierung des christlichen Abendlandes zeige sich schon darin, dass wir jetzt aus religiöser Rücksichtnahme nicht mehr Weihnachtsmarkt sagen dürfen. Das fällt allerdings in die gleiche Kategorie wie „Wir schenken uns dieses Jahr nichts, ok?“ Hört man immer wieder, man darf aber bloß nicht glauben, dass das stimmt.

Immerhin sollte einem eigentlich schon der gesunde Menschenverstand sagen, dass es mit der Islamisierung nicht so weit her sein kann, wenn man ab September in allen Supermärkten Schokoladenweihnachtsmänner kaufen kann.

Nichtsdestotrotz fällt auf, dass tatsächlich immer mehr Weihnachtsmärkte anders heißen. In Berlin erwarten uns etwa der Heissa Holzmarkt, Xmas in FHAIN, Holy Shit Shopping oder der Naughty Xmas Market. Letzterer nimmt das Fest der Liebe sehr wörtlich und verkauft Sexspielzeug, falls Sie sich über den Namen gewundert haben sollten.

Ohne jetzt ausgewiesene Religionsexpertin zu sein, wage ich mal die tollkühne Behauptung, dass niemand diese Namen aus Rücksicht auf muslimische Mitbürger gewählt hat. Ob Pegida jetzt also auch gegen die Hipsterisierung des christlichen Abendlandes demonstrieren geht, bleibt abzuwarten. 

Für alle, die ihren Glühwein gerne auf traditionelle Art konsumieren gibt es ja immer noch die klassischen Weihnachtsmärkte zum Beispiel in Alt-Spandau, Köpenick, in der Sophienstraße oder in Alt-Rixdorf. Sogar Menschen, die Weihnachten hassen und ihm nur das Schlechteste wünschen, werden auf dem Alexander- oder Potsdamer Platz fündig.

Die Begeisterung für ebenso überteuerten wie überzuckerten Alkohol, wässrige Bratwürste und Kerzenverkaufsstände kann ich elf Monate des Jahres nicht nachvollziehen. Ich weiß aber aus Erfahrung, dass sich das in dem Moment ändern wird, in dem ich wegen der kalten Hände den dritten Glühwein, Glögg oder von mir aus auch Sake trinke, Mariah Carey aus den Lautsprechern schmettert und die Menschen alle langsam gelöster werden. 

Der Weihnachtsstress fällt ab. Man sieht die herrlichen Alpakawollsocken am Verkaufsstand neben sich und die Geschenkesuche für die gesamte Familie hat sich damit dann auch erledigt. Am nächsten Tag wird man zwar feststellen, dass die zu 95 Prozent aus Polyacryl bestehen, aber egal, lustig war es trotzdem.

Katja Berlin ist Autorin. 

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