Kolumne

Lass die Sau raus

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Was tun, wenn man nach der Rückkehr aus dem Nahen Osten einerseits einer Currywurst nicht widerstehen kann, andererseits aber kein Fleisch essen sollte?

Es hatte etwas von einem Faschingsumzug, als just vor einer Woche mehrere Zehntausend Menschen in Berlin-Mitte aus Protest gegen die Agrarindustrie auf die Straße gingen. „Lass die Sau raus“ prangte auf einem Riesenballon, der über einer ziemlich bunten Menge schwebte.

Viele Teilnehmer waren kostümiert, trugen Strickmützen mit Hahnenkämmen und selbstgebastelte Schilder. „Ich wollt’, ich wär’ (k)ein Huhn“ stand auf einem in Anlehnung an einen Schlager der Comedy Harmonists. Was bei aller Kritik an der Käfighaltung eine gewisse Frohnatur erkennen ließ, die gemeinhin Veganern und Vegetariern abgesprochen wird.

Ich hätte glatt die angesichts des ernsten Themas recht amüsante Veranstaltung verpasst, wenn nicht eine ökobewusste Freundin eigens aus Bayern angereist wäre. Aber so lief ich schon aus Gesellschaft mit, als schaulustige Sympathisantin. Es wurde kurzweiliger als befürchtet. Auch wenn der Fußmarsch sich infolge ausgedehnter Umwege durch schläfrige Wohnviertel und das in samstäglicher Ruhe erstarrte Regierungsviertel hinzog.

Über 9000 Schritte legten wir laut Health-App auf dem Handy zurück, bis wir das Brandenburger Tor erreichten. Aber so hatten wir das empfohlene tägliche Bewegungssoll übererfüllt, etwas für eine gute Sache getan und dabei noch Spaß.

Dafür sorgten nicht zuletzt 160 Traktoren, die alternative Landwirte über das hauptstädtische Pflaster steuerten, sowie der Einfallsreichtum des hinterhertrottenden Fußvolks. Mein Favorit war die hochgereckte Kontaktanzeige: „Liebe Kuh sucht Bauer mit Weide.“

Zum tieferen Nachdenken regte der eher philosophische Spruch an: „Artgerecht ist nur die Freiheit“. Den gleichnamigen Titel trägt das lesenswerte Buch von Hilal Sezgin, die dafür plädiert, Tiere als Individuen mit eigenen Rechten wahrzunehmen. Eine schöne Einstellung, die viele Verbraucher teilen, bis an der Fleischtheke ihre Tierliebe aussetzt.

Ich bin da keine Ausnahme. Geflügelspeisen rühre ich zwar nicht an, weil mir seit einem Besuch in einer Legebatterie sofort die Erinnerung an elend zusammengepferchtes Federvieh hochkommt. Ein Steak oder einen Braten gönne ich mir aber schon.

Da stelle ich mir glückliche Kühe vor, die in der ländlichen Gegend, in der ich aufgewachsen bin, noch heute auf grünen Wiesen käuen. Eine Idylle, die zugegebenermaßen nichts gemein hat mit den unerträglichen Zuständen der Massentierhaltung. Wenn derartiges im Fernsehen kommt, halte ich mir die Augen zu. Kognitive Dissonanzen müssen eben aufgelöst werden. Dagegen sind auch Umweltbewusstere nicht unbedingt gefeit.

Fast alle würden eine Agrarwende begrüßen - abgesehen vom Bauernverband, der eine andere Agrarwende möchte - erst recht nach der Glyphosat-Affäre. Doch nur eine Minderheit achtet konsequent auf Herkunft und Produktionsweise ländlicher Erzeugnisse.

Der Appetit ist oft größer als der Vorsatz. Wer wie ich nach Jahren als Korrespondentin im Nahen Osten und der damit verbundenen Entbehrung einer Currywurst schwer widerstehen kann, spricht da aus eigener Erfahrung. Trotzdem, nur unser Konsumentenverhalten wird die Agrarlobbyisten zum Umdenken zwingen. „Essen ist politisch“, hieß es auf der Demo. Zumindest das, habe ich mir vorgenommen, sollte man beim nächsten Einkauf im Hinterkopf behalten.

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