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Es gibt sie tatsächlich, die Weihnachtsstimmung.

Kolumne

„Lass uns nach Hause gehen“

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Weihnachten hat viel mit Ankunft zu tun. Die Tage davor werden als Passage wahrgenommen.

In dem Pflegeheim, in dem ich meine Mutter besuche, ist der Eingangsbereich weihnachtlich geschmückt. Eine weiß beflockte Decke simuliert eine Schneelandschaft, und ein altes Paar Skier deutet eine Mobilität an, über die hier niemand mehr verfügt.

Das Arrangement kündet vom Wechsel der Jahreszeiten. Das Leben, soll das wohl heißen, geht weiter – das Heim als Durchgangsstation. Und obwohl hier das ganze Jahr über eine Art weihnachtliche Langsamkeit den Takt angibt, werden die Feiertage hier doch als besonderes Fest wahrgenommen. Die Zahl der Besuche steigt an, und wenigstens für ein paar Tage erfährt das Personal jene Wertschätzung, die es das ganze Jahr über verdient hätte.

Es gibt sie tatsächlich, die Weihnachtsstimmung. Chris Reas Song „Driving Home for Christmas“ ist ja wohl nur deshalb ein Evergreen, weil er sehr viel mehr ausdrückt als die Fahrtbewegung von hier nach da. Vielmehr handelt das Lied von dem anthropologischen Bedürfnis nach Ankunft. Die Tage davor werden als Passage wahrgenommen, durch die man sich in die Weihnachtszeit rettet – das gilt auch für jene, die darauf aus sind, aus der weihnachtlichen Enge auf ferne Inseln zu entfliehen.

Eine ganz ähnliche Stimmungslage war es wohl auch, die die Briten in der vergangenen Woche dem Halunken Boris Johnson den Vorzug hat geben lassen. Im Gegensatz zum orientierungslosen Zauderer Jeremy Corbyn nahm man Johnson trotz all der nachgewiesenen Lügen ab, dass er wenigstens weiß, wohin er will.

Wenn der Slogan „Let’s get Brexit done“ schon keine Aussage über die Zukunft enthielt, so signalisierte er doch das Versprechen auf ein wohliges Vergangenheitsgefühl. Die populistischen Bewegungen verheißen einen Zuwachs an Selbstachtung und Geltung, die aus nationaler Besinnung hervorgehen mögen. Es geht dabei um ein rückwärtsgewandtes Adveniat.

Lässt man den neoliberalen Quatsch mit der Selbstoptimierung einmal weg, dann ist Boris Johnsons Botschaft, nun aus dem Einzelnen das Beste herausholen zu wollen, die Ankündigung einer Phase des Darbens und Maßhaltens. Das Weihnachtsgefühl lebt von der Illusion der Einkehr, schon im Januar geht das Wechselspiel aus Anforderung und Überforderung unvermindert weiter.

Stellte die christliche Botschaft angesichts bedrückender Ungewissheit und Kontingenzerlebens seit jeher Versprechen auf Zukunft und Geborgenheit in Aussicht, so scheint beides derzeit nicht allzu hoch im Kurs zu stehen. Obwohl die junge Bewegung „Fridays for Future“ die Zukunft im Namen trägt, verweist sie auf das Drama des Zuspätkommens, eine Art negative Eschatologie. Die Apokalypse droht nicht mehr durch die Gefahr eines atomaren Knalls, sondern durch langsames Verglühen. Die Kipppunkte, so heißt es in mathematischer Nüchternheit, sind kurz davor, überschritten zu werden.

Vor ein paar Tagen musste meine 99-jährige, demente Mutter für ein paar Tage ins Krankenhaus. Eine aus medizinischer Sicht gebotene Operation unterblieb mit Verweis auf ihr hohes Lebensalter. An ihrem Bett sitzend, erklärte ich ihr wiederholt, wo sie sich befinde. „Du bist im Krankenhaus“, versuchte ich mit Nachdruck zu sagen. Unter einigen Mühen drehte sie sich langsam zu mir und sagte ruhig, aber bestimmt: „Komm, lass uns nach Hause gehen!“

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