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Mindestens 359 Menschen sterben bei den Anschlägen auf Sri Lanka.

Sri Lanka

Kühl geplante Destabilisierungsversuche

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Die Anschläge auf Sri Lanka mit den vielen Toten und Verletzten wecken Ängste und Zorn. Doch davon sollte niemand leiten lassen, wenn es um Reaktionen geht. Der Leitartikel. 

Es sind wieder diese Bilder der Zerstörung und der Verzweiflung, dieses Mal kommen sie aus Sri Lanka: zertrümmerte Räume, zerborstene Scheiben, Decken über leblosen Körpern, weinende, schreiende Menschen.

Es sind Zahlen damit verbunden, die ständig ansteigen: Mindestens 359 Menschen sind bei den Anschlägen auf Sri Lanka gestorben, mehrere Hundert wurden verletzt. Nüchtern klingt das, aber hinter jeder einzelnen der Zahlen verbirgt sich ein Mensch und ein eigenes Drama.

Gläubige und Touristen sind Opfer der Attentäter

Friedliche Orte sind erneut von einer Sekunde auf die andere zu Orten des Alptraums geworden, weil sich ein paar Menschen zu gnadenlosen Herrschern über Leben und Tod aufspielten. Die Täter haben Zivilisten angegriffen und getötet, Gläubige in am Ostersonntag besonders gut gefüllten Kirchen und Touristen in Hotels. Erbauung suchten die einen, Erholung die anderen. Sie waren nicht Konfliktpartei, sondern wurden als Opfer auserkoren.

Die Morde von Sri Lanka hat nun der sogenannte Islamische Staat für sich reklamiert. Das entspricht den Vermutungen: Für ein Anschlagsstakkato mit Selbstmordattentätern oder Bomben an mehreren Orten waren Terrorprofis nötig. Der Islamische Staat (IS), in seinen Hochburgen im Irak und in Syrien in arger Bedrängnis, konnte etwas brauchen, was in seinem Verständnis als Erfolgsmeldung gilt.

IS-Terror rechtfertigt sich mit Religion

In jedem Fall reiht sich Sri Lanka ein in die Liste der Terrororte: Im neuseeländischen Christchurch schoss im März ein Rechtsterrorist auf Muslime in Moscheen. Im indischen Mumbai griffen Islamisten 2008 Hotels, ein Café, ein Krankenhaus und Bahnhöfe an. Es erinnerte an die Anschläge auf Hotels im indonesischen Bali 2002. In Norwegen richtete 2011 ein Rechtsextremist Jugendliche in einem Ferienlager hin. In Paris machten 2015 Terroristen ein Konzert zu einem Blutbad und rechtfertigten sich mit dem Islam. Die Zahl der Verletzten geht in die Tausende. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Allen Anschlägen ist eines gemeinsam: ihre Rechtfertigung mit einer Ideologie, in der ganze Gruppen, Kulturen oder Religionen zum Sündenbock werden für die eigene missliche Lage. Tatsächlich handelt es sich um Massenmorde, ausgeführt im Namen des Hasses, angefüttert durch Allmachtsfantasien. Eine Rechtfertigung gibt es nicht. Und auch keinen Kampf der Kulturen: Die Täter sind extremistische Schwerverbrecher.

Sri Lanka, der Multikultistaat

„Rache für Christchurch“ ist eine mehr als laue Erklärung dafür, sich in einem Gottesdienst in die Luft zu sprengen oder im Frühstückssaal eines Hotels. Ein Massaker ist nicht mit Massakern zu heilen. Und wo die Vergeltungsspirale in dieser Logik beginnt und vor allem wo und ob sie endet, ist sowieso noch einmal eine ganz andere Frage.

Das Ziel all dieser Anschläge ist ja ohnehin ein ganz anderes: Es geht darum, Verunsicherung zu schaffen und Zwietracht zu säen, nicht nur vor Ort, sondern weltweit. Das zeigt die Wahl der Ziele.

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Westliche Touristen unter den Toten – das schafft, so makaber es klingt, eine ganz andere internationale Aufmerksamkeit als wenn die Anschläge nur Opfer unter den Einheimischen gefordert hätten. Es handelt sich um kühl geplante Destabilisierungsversuche. Provoziert werden soll Misstrauen, Angst und Aggression, also alles, was den Gesellschaftskitt auflöst.

Sri Lanka bietet dabei eine ganz eigene Bühne: In dem Multikultistaat, in dem rund 70,2 Prozent der Bevölkerung buddhistischen Glaubens, 12,6 Prozent Hindus, 9,7 Prozent Muslime und 7,4 Prozent Christen sind, war der große Konflikt der letzten Jahrzehnte keiner der Religionen: In einem über zwei Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg kämpfte die Bevölkerungsgruppe der Tamilen für einen unabhängigen Staat. Mühsam hat sich Sri Lanka von diesem zermürbenden Konflikt erholt, der Touristen wie Investoren abschreckte und damit die wirtschaftliche Lage verschlechterte. Stabiler wird ein Land so nicht. Dies droht nun erneut.

Nach den Anschlägen von Mumbai gelang es mühsam, Indien von einer Konfrontation mit Pakistan abzuhalten. Nach den Anschlägen von Neuseeland rückte das Land zusammen.

Nach den Anschlägen von Sri Lanka sollte genau das geschehen. Wer sich in eine Spirale von Hass und Gewalt ziehen lässt, hat verloren.

Transparenzhinweis: In einer ersten Fassung dieses Textes standen falsche Angaben zu den prozentualen Anteilen von Angehörigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften. Nach einem Leserhinweis haben wir die ursprünglichen Zahlen noch einmal überprüft und anschließend korrigiert. Sie basieren nun auf den Angaben der Volkszählung von 2012. 

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