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Ein Land im Ausnahmezustand

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Von: Michael Herl

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Die Presse in den französischen Alpen vor Ort.
Die Presse in den französischen Alpen vor Ort. © AFP

Ein Flugzeug fällt vom Himmel, und ein ganzes Land fällt mit: in einen wilden Taumel der totalen Irrationalität. Auch fast die gesamte Presse verlor schließlich den letzten Rest Vernunft. Die Kolumne.

Eigentlich müsste es schon längst nichts mehr zu sagen geben, erst recht in den heutigen Zeiten der Schnelllebigkeit. War früher nichts älter als die Zeitung von gestern und jene nur noch dazu gut, um Fische einzuwickeln, ist heute alles anders. Fische dürfen nicht mehr in bedrucktem Papier verkauft werden, und Nachrichten sind in der Regel schon alt, wenn sie eine Stunde auf dem Buckel haben. Das ist eigentlich auch in diesem Falle so, aber alle tun so, als sei nun wieder alles anders. Aber warum?

Die Nachricht: Vor einer Woche fiel ein Flugzeug vom Himmel, und 150 Menschen kamen dabei ums Leben. Das ist schlimm. Aber weiter? Eigentlich nichts weiter. Nur, dass das ganze Land gleich mit fiel, und zwar in einen Zustand taumelnder Irrationalität, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.

Der Jet war kaum zerschellt, da entschuldigte man sich schon im Fernsehen für fehlende Live-Bilder. Dafür waren alle zehn Minuten Korrespondenten aus Paris, Madrid, Barcelona, Rom, Düsseldorf, Köln, Frankfurt und Berlin zu sehen, die alle versicherten, nichts zu wissen. Ähnlich unbeholfen ging es weiter.

Steinmeier hetzte in die Alpen und zeigte sich bestürzt vom Absturz. Merkel gelobte, ihm zu folgen, und tat es auch. Gauck brach seine Perureise ab, der DFB kramte die Trauerflore aus der Kiste, und an der Börse sorgte man sich heftig um den Kurs der Lufthansa-Aktien. Schließlich haben mehr als 337 000 Menschen Geld in dem Unternehmen stecken. Die Kirche hingegen witterte Morgenluft, denn seit Tebartz-van Elst duften nicht mehr so viele Theologen ins Fernsehen.

Kurzum: Eine Gesellschaft im Ausnahmezustand. Selbst ausgewiesen vernünftige Zeitgenossen fielen einem sofort ins Wort, wenn man nur ansetzte zu sagen, „aber alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Hunger …“ – „Ja, ja“, hieß es da, „jetzt kommt die Aufrechnerei.“ Und warf man dann noch das Wort „Lampedusa“ ins Gespräch, war es ganz vorbei.

Kein Wunder, dass fast die gesamte Presse schließlich den letzten Rest Vernunft verlor, als bekannt wurde, dass der Absturz von einem psychisch kranken Copiloten verursacht worden sein könnte. Da wurden alle juristischen und journalistischen Grundsätze über Bord geworfen und der (bis heute nichts weiter als verdächtige) Mann wurde in mittelalterlicher Manier an den Pranger gestellt. Persönlichkeitsrechte? Pah! In dubio pro reo? Papperlapapp!

Und es ging grad’ so weiter. Die „feministische Linguistikerin“ Luise F. Pusch fühlte sich befleißigt, in der Zeitschrift „Emma“ mehr Frauen in den Cockpits zu fordern, denn die neigten bekanntlich weniger zum Amoklauf. Aber Frau Pusch, warum denn nicht mehr weibliche Amokläufer? Emanzipation muss doch auch mal wehtun dürfen, oder? Wie absurd wird denn das alles noch? Und: Leute, was macht ihr denn, wenn mal eine noch größere Katastrophe passiert? Habt ihr dann noch Wörter? Noch Bilder? Noch Kapazitäten in der Birne?

Einzig Verlass war wie immer auf unsere Freunde von der Volksmusik. Und das, obwohl auch die eine Katastrophe erdulden mussten: Karl Moik ist tot. Doch lange gefackelt wurde nicht. Im Musikantenstadl am Samstagabend zeigte man zu Beginn ein paar Buildl’n vom Karl – und dann jodelten sie los, als wäre nie was gewesen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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